«Wir gehören fast zum Inventar»

Die Pfyner Künstler Alex Meszmer und Reto Müller haben am Kreuzlinger Bahnhof verschiedene Menschen getroffen. Deren Geschichten können jetzt dort mit dem Handy abgerufen werden. Ihr Projekt «1bis» wird heute eingeweiht.

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Alex Meszmer und Reto Müller testen mit ihren Mobiltelefonen die Bee Tags. (Bild: Donato Caspari)

Alex Meszmer und Reto Müller testen mit ihren Mobiltelefonen die Bee Tags. (Bild: Donato Caspari)

Wie viele Stunden haben Sie beide für das Projekt am Kreuzlinger Stadtbahnhof verbracht?

Alex Meszmer: Wir haben die Stunden nicht gezählt, aber es waren ziemlich viele. Im Frühling 2011 haben wir begonnen und diese Woche machten wir die letzten Interviews. Insgesamt haben wir jetzt 90 Menschen und ihre Geschichten fertig im Kasten.

Wie viele Personen mussten Sie dafür ansprechen?

Reto Müller: Pro Nachmittag, an dem wir vor Ort waren, haben wir etwa 20 bis 25 Personen angesprochen. Im Schnitt machten dann etwa drei mit. Also kam bei jedem zehnten Versuch etwas Zählbares heraus.

Sie kennen den Stadtbahnhof jetzt sicher in- und auswendig?

Meszmer: Wir gehören hier schon fast zum Inventar. Es ist zwar ein Zuhause mit viel Durchzug, aber wir haben viele Leute kennengelernt, die hier arbeiten. Einige haben unsere Arbeit auch interessiert mitverfolgt.

Müller: Es ist auch sehr spannend, wie sich die Stimmung und die Atmosphäre am Bahnhof mit den Jahreszeiten, aber auch schon mit der Tageszeit verändern.

Welche Beobachtungen macht man, wenn man so viel Zeit hier verbringt? Der Bahnhof stellt ja auch einen Brennpunkt der Gesellschaft dar.

Meszmer: Es gibt Tage, da herrscht hier eine ganz aufgeladene Atmosphäre. Wenn es zwischen Gruppen von Asylbewerbern Spannungen gibt, ist das deutlich spür- und wahrnehmbar. Das bringt dann auch all die anderen Menschen am Bahnhof in eine Unruhe. Sogar die Security-Leute haben dann zu uns gesagt, wir könnten eigentlich nach Hause gehen. Weil sich bei diesen Spannungen sowieso niemand die Zeit nehmen wird, um mit uns zu sprechen.

Müller: Die gleiche Situation zeigt sich auch vor einem Gewitter, wenn das Wetter umschlägt. Alle haben Stress und wollen möglichst schnell nach Hause kommen. Wir haben dann keine Chance, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

Trotzdem konnten Sie sehr viele interessante Gespräche führen. Wie lief so ein Interview ab?

Meszmer: Wir gingen auf die Leute zu und stellten ihnen zuerst unser Projekt vor. Danach stellten wir immer die gleichen Fragen. Was führt Sie an den Bahnhof Kreuzlingen? Wir fragten nach den persönlichen Angaben, speziell nach der Nationalität und wir wollten wissen, wie die Menschen den Bahnhof erleben und wie sie den Raum Kreuzlingen/Konstanz erleben. Nach diesen Fragen konnten wir dann die eine oder andere spannende Geschichte aus den Leuten herauskitzeln.

Haben Sie die Menschen repräsentativ ausgewählt?

Müller: Wir haben es versucht, aber es war schwierig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Schweizer eher offener sind und sich auch für die Technik dahinter interessieren. Ausländer waren eher einmal kritisch und wollten nicht, dass ihre Geschichten hier ausgebreitet werden.

Meszmer: Speziell viele Asylbewerber haben offenbar eine Grundangst, dass es sich negativ auf ihr Verfahren auswirken könnte. Trotzdem sind wir mit zwei von ihnen ins Gespräch gekommen und haben sehr beeindruckende Geschichten gehört.

Sie wollten mit dem Projekt gegen die Anonymität antreten, die am Bahnhof herrscht. Was muss passieren, dass Sie selber sagen «Dieses Ziel haben wir erreicht»?

Meszmer: Kunst hat ja immer einen exemplarischen Charakter. Sie kann nicht die Welt verändern, das wäre zu viel verlangt. Aber wir stellen uns vor, dass man zum Beispiel jeden Tag, eine der 90 Geschichten mitnehmen kann, um sie im Zug zu lesen.

Reto Müller: Wir wünschen uns einfach, dass unser Projekt genutzt wird und die eine oder andere Geschichte in den Köpfen der Menschen hängen bleiben wird.

Interview: Urs Brüschweiler