«Wir erzählen Schicksale»

Morgen ziehen die Arboner Zeitfrauen durch die Stadt. Kostümiert als Anwohnerinnen vor 100 Jahren tragen sie Geschichten vor. Ursula Gentsch will für die Rechte der Frau sensibilisieren.

Tanja von Arx
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Die Arboner Zeitfrauen auf dem Storchenplatz. Rechts, mit Perücke und Korb als Dienstmädchen der Familie Saurer verkleidet, Ursula Gentsch. (Bild: pd)

Die Arboner Zeitfrauen auf dem Storchenplatz. Rechts, mit Perücke und Korb als Dienstmädchen der Familie Saurer verkleidet, Ursula Gentsch. (Bild: pd)

Lange Gewänder, geflochtene Körbe, ein Schirm gegen die Sonne, so ziehen Sie durch Arbon. Was stellen Sie dar?

Ursula Gentsch: Starke Frauen aus Arbon. Wir nehmen die Zuschauer mit auf den Rundgang, um zu erleben, wie sie die Stadt vor hundert Jahren geprägt haben.

Was sind «starke Frauen»?

Gentsch: Solche, die Neues bewirkten oder revolutionierten. Dazu zählen beispielsweise die Fabrikantinnen der Stickerei Heine, die sich für Kinderbetreuung während der Arbeit einsetzten. Aber auch die gutbürgerlichen Frauen, die sich in Vereinen für die Rechte der Frau mit sozialdemokratischen Arbeiterinnen solidarisierten.

Warum schauspielern Sie und tragen Texte darüber vor?

Gentsch: Geschichte schrieben Männer über Männer. Frauen, wenn sie darin überhaupt vorkamen, waren das Anhängsel eines Mannes. Sie mussten ihm den Rücken freihalten, indem sie sich um den Haushalt kümmerten oder Firmenessen organisierten. Wir wollen einerseits ihre Geschichte schreiben. Andererseits aber auch sensibilisieren, dass es einiges an Zivilcourage erforderte, gehört zu werden.

Wo gehen Sie morgen hin?

Gentsch: Zum Metropol mit Blick zur Heinehof-Siedlung, die aus dem florierenden Ostschweizer Handel entstand. Die Arboner Arbeiterinnen wohnten da, jene aus Italien waren in einem Schlafsaal mit 250 Plätzen untergebracht. Wir erzählen aus einzelnen Schicksalen und zeigen Fotos von früher. Das ist nur eine Station von vielen.

Wo machen Sie noch Halt?

Gentsch: Zum Beispiel beim Posthof. Ich sprach einst mit einer alten Frau, die lange Zeit ein Woll-Lädeli hatte. Sie erzählte mir, wie sie kurz vor Weihnachten einen halbfertigen Pulli erhielt, allerdings aus fremdem Garn, mit der Bitte, ihn fertig zu «lismen». Das tragen wir da vor. Unsere Erzählungen sind lustig, aber auch nachdenklich.

Warum?

Gentsch: Ich würde gerne auch heute junge Frauen dazu bewegen, sich in die Politik zu begeben. Zu merken: Ah ja, das braucht es noch, da könnte man noch das und das machen. Wir schlagen in diesem Sinn eine Brücke – denn in meiner Wahrnehmung ist seit dem Frauenstreik von 1991 nicht mehr viel passiert.

Wie sind Sie zu den Geschichten, zu den Dokumenten gekommen?

Gentsch: Es war ein langer Prozess. 2010 begannen wir zu viert Bekannte und Verwandte zu fragen und suchten nach Unterlagen. Dann liessen wir das Material verifizieren.

Wie denn?

Gentsch: Der ortskundige Historiker Hans Geisser unterstützte uns. Ausserdem recherchierten wir im Staatsarchiv.

Wann war der erste Rundgang?

Gentsch: Zwei Jahre später. Er entstand, indem wir die Angaben verknüpften. Am 14. Juni, parallel zum Streik von 1991, zogen wir kostümiert und geschichtenerzählend durch die Stadt.

Wer fertigte die Kostüme?

Gentsch: Vieles stammt aus dem eigenen Kleiderschrank oder von Flohmärkten. Ausserdem erhielten wir von Zuschauern Hüte, Schmuck, ja gar ein Hochzeitskleid, was mich sehr freute.

Sie proben jeweils vor den Auftritten?

Gentsch: Anfang Jahr treffen wir uns zu einem Refreshing. Die Texte können wir, es gilt mehr, darauf zu achten, wie das eigene Auftreten ist, wie ich die Tasche halte, den Schirm. Das Lampenfieber aber bleibt, auch nach dieser langen Zeit.

Rundgang morgen um 10.30 Uhr, Treffpunkt Nymphenbrunnen beim Alten Hafen, Kosten 20 Franken. www.zeitfrauen.ch

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