Wie Pilze aus dem Boden

ARBON. Von den Anfängen des Arboner Vereinslebens bis heute war es ein weiter Weg. Politische und gesellschaftliche Umstände zeigen sich an den Vereinsgründungen.

Hans Geisser*
Merken
Drucken
Teilen
Die Stadtmusik Arbon marschiert am Fasnachtsumzug im Jahr 1947. (Archivbild: pd)

Die Stadtmusik Arbon marschiert am Fasnachtsumzug im Jahr 1947. (Archivbild: pd)

«Welch ein Leben, wie mannigfaltig die Vereine. Nein, unsere Zeit schlummert nicht», schreibt «Der Oberthurgauer» 1887 in einem Bericht über das Arboner Vereinsleben. Es war nicht immer so. Bis gegen 1800 verbieten die weltlichen und geistlichen Herrschaften rigoros jede Vereinstätigkeit. Die Regierenden befürchten, dass freiheitliches Gedankengut von den Vereinen ihre Privilegien gefährden könnte. So sind Lesezirkel und Gesprächsrunden in Hinterzimmern der Gastwirtschaften und privaten Stuben die einzige Möglichkeit, sich heimlich in Gruppen zu treffen.

Beginn des Vereinslebens

Die demokratischen Ansätze der Helvetik 1798 und die Kantonsgründung im Jahre 1803 räumen dann mit den feudalen Rechten der Obrigkeit auf; der Gründung von Vereinen steht nichts mehr im Weg. Zunächst sind sie die eigentlichen Keimzellen der Politik und Gesellschaft. Vaterländische Vereine fassen zuerst Fuss, 1840 die Schützen, 1858 der Männerchor, 1875 die Turner. Mit dem gesellschaftlichen Wandel während der Industrialisierung schiessen weitere Vereine wie Pilze aus dem Boden: Berufliche Standesorganisationen, der Handwerker- und Gewerbeverein, der Grütliverein der Fabrikarbeiter, später Gewerkschaften und kirchliche Gruppen für Jung und Alt. Nach 1900 sind es die politischen Parteien, die bei Wahlen und Abstimmungen engagiert mitmischen. Sozial tätige Gruppen kümmern sich um bedürftige Mitmenschen.

Vereine von Ausländern

Knapp die Hälfte der damals 10 000 Einwohner sind ausländische Arbeitskräfte – die meisten davon Deutsche und Italiener. Der Deutsche Verein ist der weitaus grösste der Stadt. Kaisers Geburtstag wird jeweils mit rauschenden Festen, Pauken und Trompeten und vaterländischen Ansprachen gefeiert. Die Italiener haben eigene Organisationen, vor allem Chöre. Sie wohnen in ihrem Neuquartier mit eigenen Läden und Gastwirtschaften. Ihre Garibaldistrasse hält die Erinnerung an die Heimat wach.

Zahlreiche Vereine sind im 20. Jahrhundert verschwunden. Einige Beispiele sind der Casinoclub Arbor Felix, die Löwengesellschaft, der Naturheilverein, die Guttemplerloge Arbonia und der Beerdigungsverein. Nach mittlerweile ebenso vielen Neugründungen wirken heute in Arbon weit über hundert Vereine. An vielseitigem Angebot sinnvoller Freizeitaktivitäten fehlt es nicht.

*Hans Geisser ist Konservator des Historischen Museums Arbon im Schloss.