Wer bremst, kann auch gewinnen

Leitartikel zur Weinfelder Abstimmung über die Zonenplanänderung im Sangenfeld West und die Anpassung des Baureglements vom 21. Mai

Mario Testa
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Die Tage der alten Industriesiedlung an der Thurfeldstrasse sind gezählt – daran ändert auch der Ausgang der Abstimmung über die Zonenplanänderung nichts mehr. (Bild: Mario Testa)

Die Tage der alten Industriesiedlung an der Thurfeldstrasse sind gezählt – daran ändert auch der Ausgang der Abstimmung über die Zonenplanänderung nichts mehr. (Bild: Mario Testa)

In zwei Wochen entscheidet das Weinfelder Stimmvolk über eine heikle Frage. Sollen zwei Hektaren Bauland an der Wilerstrasse in eine Wohn- und Gewerbezone für vierstöckige Gebäude umgewandelt werden? Ja oder Nein? Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Land reserviert für öffentliche Bauten – und bis dafür Bedarf besteht, fristet es sein Dasein als Acker.

Das Gemeindeparlament ist der Ansicht, dass diese Umzonung der richtige Schritt ist. Mit deutlichen 22 zu 6 Stimmen haben die Weinfelder Volksvertreter diese Frage mit Ja beantwortet. Die Befürworter bekräftigen diesen Entscheid vom 1. Dezember 2016 noch einmal auf einem Flyer, der diese Woche in allen Weinfelder Briefkästen lag. Sie argumentieren damit, dass das Bauland effizient genützt wird dank einer massvoll verdichteten, modernen Wohnsiedlung. Zudem wird die langjährigen Baulücke geschlossen und die Gemeinde weiter entwickelt dank initiativen Landeigentümern.

Emotionaler formuliert es die Gegenseite. Nur mit einem Nein könne verhindert werden, dass die Arbeitersiedlung an der Thurfeldstrasse, dieses «einzigartige Stück Baukultur», dem Baggerzahn zum Frass vorgeworfen werde – zu lesen ebenfalls auf einem Flyer, der diese Woche von den Initianten des Referendums in die Haushalte verteilt wurde.

Walter Knill und Urs Koller haben deshalb erfolgreich Unterschriften gesammelt gegen den Entscheid. Ersterer als Vertreter der Bewohner der Arbeitersiedlung, Letzterer als Kämpfer für mutigere Bauhöhen und den Erhalt günstigen Wohnraums. Deshalb hat nun das Weinfelder Stimmvolk das letzte Wort zu dieser Zonenplanänderung und gleichzeitiger Baureglementsanpassung.

Die beiden Initianten führen jedoch einen Kampf gegen Windmühlen. Unabhängig davon, wie die Abstimmung am 21. Mai ausgeht, sind die Tage der Arbeitersiedlung an der Thurfeldstrasse gezählt. Dominic Meyerhans als Miteigentümer hat vergangenen Dienstag am Abstimmungspodium im Rathaus gesagt, dass schon lange nicht mehr in die Siedlung investiert wird, sie also über kurz oder lang verschwindet. Insofern ist es Wunschdenken von den Referenten, wenn sie glauben, ein Nein würde den Abbruch verhindern.

Ein paar Jahre mehr in ihren Wohnungen mit den hübschen Gärtlein könnten die Bewohner der Siedlung wohl herausschlagen, wenn ein Nein resultiert am 21. Mai. Dann nämlich müssten zuerst neue Baupläne her für eine allfällige Überbauung anstelle der Arbeitersiedlung. Denn die jetzigen Pläne mit drei-, vier- und fünfstöckigen Gebäuden – basierend auf einem Gestaltungsplan – wären nicht realisierbar, wenn das grosse Brachland für öffentliche Bauten reserviert bleibt und an der Thurfeldstrasse nur dreistöckig gebaut werden darf.

Mit einem Nein würden die Anwohner also zumindest Zeit gewinnen. Die Investoren müssten über die Bücher. Zudem hätten die Planer die Chance, im Zuge der laufenden Revision der Weinfelder Ortsplanung noch etwas grösser zu denken, im konkreten Fall höher. Warum mit einer neu einzuführenden Bauzone nur eine Etage zusätzlich erlauben, wenn auch deutlich mehr möglich sind? Es wäre eine noch konsequentere Umsetzung der Kantonsvorgabe zum haushälterischen Umgang mit Bauland.

Aber natürlich gibt es auch bei einem Ja Gewinner. Es sind das die Landeigentümer die ihre Pläne umsetzen können sowie die regionale Baubranche, die sich auf Aufträge für die neue Überbauung freuen kann. Es entstünden attraktive Wohnungen in Schulnähe –und vor allem: im bereits bestehendem Siedlungsgebiet, anstatt dass dieses laufend weiter nach Osten und Westen ausgedehnt wird.

Mario Testa

mario.testa

@thurgauerzeitung.ch