Weltklasse in schwierigem Umfeld

Kreuzlingen. Der Auftritt von Emma Kirkby und dem Ensemble The London Baroque bildete am Sonntag den Abschluss der ersten drei Konzerte von Kammermusik Bodensee, welche auf dem Eventschiff MS Sonnenkönigin über die Bühne gingen.

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Der Weltstar Emma Kirkby in jüngeren Jahren. (Bild: .musicatduffield)

Der Weltstar Emma Kirkby in jüngeren Jahren. (Bild: .musicatduffield)

Kreuzlingen. Der Auftritt von Emma Kirkby und dem Ensemble The London Baroque bildete am Sonntag den Abschluss der ersten drei Konzerte von Kammermusik Bodensee, welche auf dem Eventschiff MS Sonnenkönigin über die Bühne gingen.

Durchaus mutig

Letztes Jahr hat das Festival Kammermusik Bodensee seinen Start auf Schloss Girsberg bei Kreuzlingen erlebt. Dieses Jahr hat es die Organisatoren an und auf den See gezogen. Durchaus mutig wagte sich Kammermusik Bodensee am Wochenende für die ersten drei Anlässe auf den See.

Für ein neues ambitioniertes Festival muss man sich, was die Aufführungsorte angeht, etwas Spezielles einfallen lassen, in diesem Fall eben die schwimmende Bühne des Eventschiffs MS Sonnenkönigin.

Vom Ambiente erdrückt

Weltklasse war angesagt mit der Grande Dame des Barockgesangs, Emma Kirkby, und mit dem Ensemble The London Baroque. Weltklasse kam und wurde irgendwie vom Ambiente dieses High-Tech-Schiffs erdrückt. Für Alte Musik in Vollendung war diese Kulisse nicht geeignet.

Eventcharakter

Nicht dass die Gesangskunst einer Kirkby unbedingt in historischem Gemäuer stattfinden müsste. Aber der Eventcharakter dieses Konzertes liess die Künstlerin und ihr Quartett seltsam fern erscheinen, unwirklich und wenig greifbar. Die Wellen des Sees, der Sonnenuntergang, das Panorama, das ist allzu viel schönes Beiwerk.

Und es schien, dass auch für die englischen Ausnahmekünstler diese Ambiance ein schwieriger Boden war, um ihr Können wirklich aufblühen zu lassen, nicht zuletzt wegen einer Akustik, die alles seltsam flach und distanziert erscheinen liess.

Interpretatorisch vollendet

Man erlebte Spitzengesang und wurde durch ihn dennoch nicht so richtig warm.

Aber trotz schwieriger Umstände: Was Emma Kirkby bei Purcells «Music for a while» oder bei vier Liedern aus «Fairy Queen» an interpretatorischer Vollendung erreicht hat, ist natürlich stupend. Schlichtheit als Perfektion des Ausdrucks, Natürlichkeit des Feinsinns bei der Ausziselierung des Wortsinns und dieser speziell betörende Fluss des sprechenden Singens beeindruckten – trotz der leisen Hintergrundmusik der Schiffsmotoren, die laufen müssen, auch wenn ein Schiff auf dem See stehen bleibt.

Emma Kirkby beherrscht diese hintergründige Theatralik der Wortreflexion.

Und sie singt nie, ohne vorher die instrumentale Vorbereitung für ihren Gesang integriert zu haben. Das ergibt dann stets eine Geschlossenheit von Solo und Begleitung, schafft ununterbrochen erstaunliche Balance instrumentalen Singens und vokaler Musizierlust.

Mit Frische und Fluss

Neben der Ausgefeiltheit der Purcell'schen Sprache beglückte am Schluss des Konzerts die Händel-Kantate «Tu fedel? Tu costante?» mit Frische und Fluss. Händel beweist auch im intimen Genre seine unnachahmliche Klarheit, das seltsam Unkomplizierte trotz intensivster Wortausdeutung.

Vom Ensemble belohnt

Mit drei Auftritten präsentierte sich Emma Kirkby an diesem Konzert eher rar.

Belohnt wurde man aber auch durch die instrumentalen Auftritte von The London Baroque (Ingrid Seifert und Richard Gwilt, Violinen; Charles Medlam, Bassgambe, und Steven Devine, Cembalo). Neben einer Corelli-Sonate bestach dann vor allem die raffinierte Kunst eines Couperin, der Corelli, den Vertreter der italienischen Stilkonkurrenz, musikalisch gar in den Himmel hob und ihn neben Apoll plazierte.

Bis ins Detail ausgeklügelt

Ein herrlich ausgestattetes Stück «Programmmusik»! Frische, Klarheit und die unbedingte Präzision und Perfektion des gemeinsamen instrumentalen Atmens prägten eine Händel-Triosonate. Und zum Erlebnis wurde schliesslich der Auftritt von Charles Medlam, der sein bis ins Detail ausgeklügeltes Können an der Bassgambe in drei Stücken von Antoine Forqueray zeigte.

Er schaffte das, was auch Emma Kirkbys Gesang ausmacht: höchste Kunstfertigkeit mit höchster Natürlichkeit zu paaren. Martin Preisser

Bis Sonntag, 6. September, finden bei Kammermusik Bodensee täglich weitere Konzerte statt, von Weltklasse-Ensembles über Musikclownerie bis zu Konzerten mit dem musikalischen Nachwuchs. Alle weiteren Anlässe im Dreispitz Kreuzlingen. Das Programm ist im Internet unter www.dreispitz-kreuzlingen.ch einsehbar.