WEINFELDEN: Wirkungslose Medikamente

Antibiotikaresistente Bakterien gefährden Menschen und Tiere. Sie sorgen dafür, dass gewisse Arzneien ihre Wirkung verlieren. Roger Stephan spricht darüber am Agrarzyklus vom 9. Januar.

Ruth Bossert
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In der Tiermast kommt häufig Antibiotika zum Einsatz. Zusammen mit den Medikamenten, die Menschen zu sich nehmen, können sich gefährliche Resistenzen bilden. (Bild: Mario Testa)

In der Tiermast kommt häufig Antibiotika zum Einsatz. Zusammen mit den Medikamenten, die Menschen zu sich nehmen, können sich gefährliche Resistenzen bilden. (Bild: Mario Testa)

Ruth Bossert

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@thurgauerzeitung.ch

 

Roger Stephan, wie entwickelt sich der Verbrauch von Antibiotika in der Schweiz?

Innert zehn Jahren hat der Verbrauch um einen Drittel zu­genommen. Die Fortschritte in der Humanmedizin sind gross. Es sind heute Operationen und ­Behandlungen möglich, die es vor zehn Jahren nicht gegeben hat. Bei vielen dieser Behandlungen muss verhindert werden, dass es später zu einer Infektion kommt. Dafür braucht es die Antibiotika.

Wie sieht es beim Antibiotika-Einsatz in der Tiermast aus?

Hier wird ganz klar viel mehr auf Massnahmen gesetzt, die dazu führen, dass die Tiere erst gar nicht krank werden. Mögliche Ansatzpunkte sind beispielsweise vermehrtes Impfen von Tieren, Tiere erst ab einem gewissen Alter im Mastbetrieben zusammenbringen, wenn die Abwehrkräfte ausgebildet sind und vieles mehr. Man muss sich aber bewusst sein, dass solche Massnahmen Geld kosten und dadurch das Fleisch teurer wird. Der Verkauf von Antibiotika bei Nutztieren ist in den letzten Jahren jedoch rückläufig, nicht aber der Anteil kritischer Antibiotika.

Gegen antibiotikaresistente Bakterien nützen all diese Medikamente nicht mehr. Welche Folgen hat das?

Es sind ja nicht nur die Anzahl der Todesfälle, die durch antibiotikaresistente Bakterien zunehmen, sondern über alles gesehen auch die Behandlungstage. Es ist aber nicht so, dass dadurch grundsätzlich mehr Antibiotikum gebraucht würde, aber wegen der multiresistenten Bakterien müssen immer häufiger Reserveantibiotika eingesetzt werden – und das ist ein echtes Problem. Der häufigere Einsatz dieser Reserveantibiotika führt in der Folge auch dazu, dass resistente Bakterien gegen diese letzten, wirksamen Antibiotika selektioniert werden.

Welche Bedeutung hat die Ausbreitung der Bakterien über die Lebensmittelkette?

Für gewisse antibiotikaresistente Bakterien hat die Ausbreitung über tierische, aber auch pflanzliche Lebensmittel eine beson­dere Bedeutung. Diese wurde in der Vergangenheit eher unterschätzt.

Wie kann ich mich als Konsument und Patient schützen?

Im Umgang mit Lebensmitteln gelten im besonderen folgende Punkte: Rohe und erhitzte Lebensmittel immer trennen, Lebensmittel richtig erhitzen. Zudem muss ich als Konsument und als Konsumentin auch bereit sein, für Fleisch, das ohne Antibiotikaeinsatz produziert wurde, etwas mehr zu bezahlen. Und als Patient muss mich an die Therapievorgaben des Arztes halten, ich darf ihn aber auch ruhig fragen, ob es für die Behandlung wirklich Antibiotika braucht.

Mit der nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) will der Bund das Problem angehen. Wie sieht die Strategie aus?

Die Strategie hat zwei Hauptstossrichtungen – erstens bei der Anwendung von Antibiotika möglichst zurückhaltend, zielgerichtet und faktenbasiert vorzugehen und zweitens die Ausbreitung von resistenten Bakterien zu minimieren. Es braucht gemeinsame Anstrengungen der Human- und der Veterinärmedizin zur Erreichung des Ziels, die antibiotikaresistenten Bakterien zu reduzieren.

Die nationale Strategie ist seit einem Jahr in Kraft. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Bildlich ausgedrückt könnte man sagen, der Zug kommt nun langsam ins Rollen. Aus der Strategie werden mögliche und sinnvolle Massnahmen abgeleitet. In gewissen Bereichen müssen aber zuerst weitere Datengrundlagen geschaffen werden. Dazu wurden im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogrammes Projekte bewilligt, die ab kommendem Jahr starten.