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WEINFELDEN: Von Ortsbürgern und fremden Fötzeln

Wenn sich die Güttingers, die Mästingers und die Kellers im Rathaus versammeln, dann findet bestimmt ein Anlass der Bürgergemeinde statt. Das Gebäude gehörte einst ihnen. Heute sind sie nur noch Gäste.
Esther Simon
Das Weinfelder Rathaus, vom Thomas-Bornhauser-Brunnen aus gesehen. (Bild: Donato Caspari)

Das Weinfelder Rathaus, vom Thomas-Bornhauser-Brunnen aus gesehen. (Bild: Donato Caspari)

WEINFELDEN. Es ist ja nicht so, dass die Bürgergemeinde arm wäre wie eine Kirchenmaus. Immerhin gehören ihr – unter anderem – das Steinhaus und der «Trauben», dazu Ländereien und Waldungen. Aber, zugegeben, die Weinfelder Ortsbürger haben in materieller Hinsicht auch schon bessere Zeiten gesehen. 1831 – vor 185 Jahren – war praktisch alles im Eigentum der Bürgergemeinde: Die Grundstücke, die öffentlichen Gebäude, die Kapitalien, Brunnen, Stege, Kirchen-, Schul- und Armengüter. Die Bürgergemeinde bestimmte die Steuern zur Bestreitung der jährlichen Bedürfnisse der Gemeinde Weinfelden.

Das Jahr 1831 läutete den Niedergang der Bürgergemeinde ein, wenn man so will. In diesem Jahr wurde die Gemeindeverwaltung getrennt, wie der Weinfelder Lokalhistoriker Hermann Lei sen. (1910 bis 2006) in seinem Weinfelder Buch schreibt. Erstmals wachte ein neunköpfiger Verwaltungsrat, geleitet vom Ortsvorsteher, Postmeister Paul Brenner, «über alles Eigentum der Bürgergemeinde», gleichzeitig wirkte ein siebenköpfiger Gemeinderat unter der Leitung von Johannes Brenner, der als verlängerter Arm des Regierungsrates arbeitete.

Jahrzehntelang eine Zweiklassengesellschaft

Diese Gewaltenteilung konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Gemeinde noch lange ein grosser Gegensatz zwischen Ortsbürgern und Ansassen – Zugewanderten, «fremden Fötzeln» – bestand. Gemäss Hermann Lei hat noch im Jahre 1860 der Verwaltungsrat der Ortsbürger einen besonderen Vertrag aufgestellt, wonach die Ansassen – neben Frondienst, Kosten für die Strassenbeleuchtung und Tag- und Nachtwache – 500 Franken an die Ortsgemeinde zu zahlen hatten. Erst die Kantonsverfassung von 1869 brachte dem Volk neue Rechte.

Die Weinfelder waren allerdings vom neuen Grundgesetz nicht begeistert. An der Abstimmung lehnten sie die Verfassung mit 497 Nein gegen 73 Ja deutlich ab. Da sich in Weinfelden Munizipal- und Ortsgemeinde räumlich deckten, wurden die Verwaltungen 1869 zusammengelegt. In diesem Jahr auch forderte der Regierungsrat die Gemeinden auf, zur Ausscheidung der Güter mit der Bürgergemeinde zu schreiten. 1871 – also vor 145 Jahren – war die Trennung vollzogen. Der Vertrag vom 12. Dezember regelte alles. Die Bürgergemeinde übergab der Munizipalgemeinde 50 000 Franken, für den Bau der Kantonalbank gab sie 20 000 Franken. Sie überliess ihr die Marktgeräte, die Marktstände, das Rathaus, das Gefängnis und das Spritzenhaus. Die Munizipalgemeinde übernahm mit ganz wenigen Ausnahmen die Brunnen, Brücken und Stege. Ebenfalls zu Lasten der Munizipale ging künftig die Besorgung der Gewässer. Es soll heute noch Weinfelder Ortsbürger geben, die diesen alten Zeiten nachtrauern. Man müsse allerdings sehen, dass die Bürgergemeinde auch Lasten und Pflichten abgegeben habe, sagt der Weinfelder Bürgerarchivar und Dorfführer Franz Xaver Isenring. Immerhin hätten die Ortsbürger 1871 ausbedingen können, dass sie künftig im Rathaus ihre Versammlungen und Anlässe als Gäste kostenlos abhalten dürfen.

«Scho bald e chli en richtige Wyfälder»

Auch wurde mit der Munizipalgemeinde vereinbart, dass das Bürgerarchiv immer in einem Gebäude der Gemeinde Unterschlupf findet, was den Bürgerarchivar natürlich freut.

«Jetzt sind Sie denn schon bald e chli en richtige Wyfälder», soll eine inzwischen verstorbene Ortsbürgerin vor Jahren zu einem Einwohner gesagt haben, der notabene sein ganzes bisheriges Leben in Weinfelden zugebracht hatte, wenn auch nur als gewöhnlicher Einwohner. Diese Diskrepanzen haben sich gelegt. Heute ist festzustellen, dass sich die Bürgergemeinde, auch wenn ihre Mitgliederzahl nur einen kleinen Prozentsatz der Einwohner ausmacht, eine geachtete Institution ist, die sich nicht zuletzt durch die Unterstützung zahlreicher Anlässe vor allem im kulturellen Bereich hervorhebt.

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