WEINFELDEN: Tapfere Frauen

Susanne Tobler würdigt auf ihrem neuesten Rundgang Weinfelderinnen, die weit davon entfernt waren, privilegiert zu sein. Und die trotzdem ihren Mann stellten.

Esther Simon
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Dorfführerin Susanne Tobler vor dem «Rössli» in Weinfelden, wo Frieda Schmid-Enz als Dienstmagd arbeitete. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Dorfführerin Susanne Tobler vor dem «Rössli» in Weinfelden, wo Frieda Schmid-Enz als Dienstmagd arbeitete. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Esther Simon

esther.simon@thurgauerzeitung.ch

Frieda Schmid-Enz war eine solche Frau. Sie war Dienstmagd im «Rössli», als sie ihren Mann Jakob Schmid kennen lernte. Als er 1928 starb, blieb sie – erst 31-jährig – mit vier kleinen Buben zurück. Unterstützungspflichtig war Appenzell, der Heimatort ihres Mannes. «Doch als Reformierte wollte sie nicht dorthin», sagt Susanne Tobler. «Also schlug sie

sich in Weinfelden mit Putzen, Waschen und Bügeln durch und konnte so ihre Familie zusammenhalten.» Ihren Traum von einer «Glättistube» in dem Haus an der Wilerstrasse, in dem sie zur Miete wohnte, konnte sie sich dann doch noch erfüllen, allerdings erst, als die vier Buben aus dem Haus waren. Frieda Schmid-Enz starb 1980 im Alter von 83 Jahren.

Seit Jahren gibt es in Weinfelden Dorfführungen zum Thema «auf Frauenspuren». Doch auf diesen Führungen werden Frauen erwähnt, die im kollektiven Gedächtnis noch vorhanden sind, wie etwa die tüchtige Unternehmerin Els Müller-Model oder die legendäre Traubenwirtin Rosa Gideon-Guggenheim. «50 Prozent der Frauen kommen also in der Dorfführung gar nicht vor», sagt Susanne Tobler. Um auch ihnen, den weniger privilegierten, ein Gesicht zu geben, begann sie zu recherchieren: in Weinfelden, im Frauenarchiv, im Staatsarchiv, in der Literatur über Susanna Orelli (1845 bis 1939), der Gründerin des Zürcher Frauenvereins und einer der wichtigsten Vertreterinnen der Schweizer Abstinenzbewegung. Und sie las viel: über die langen Arbeitszeiten und die lausigen Löhne von Dienstmädchen und Kellnerinnen. «Viele Serviertöchter kündigten nach ein paar Monaten, nur damit sie wieder einmal ausschlafen konnten.» Zwei Jahre nahmen die Recherchen in Anspruch. Am 17. Mai konnte Susanne Tobler ihre Porträts erstmals an einer Führung vorstellen.

Susanne Tobler beleuchtet auf ihrem Rundgang auch das Leben der Rheintalerin Anna Schmid, die Verdingkind in Buch bei Affeltrangen gewesen war und als 14-Jährige in die Bäckerei Bommer im Haus Künzler an der Amriswilerstrasse gekommen war. «Sie war Dienstmädchen, half in der Backstube, arbeitete in der Fabrik, putzte abends und pflegte dann noch ihre Dienstherren.» Im Alter fand Anna Schmid dann doch noch eine grosse Erfüllung als Ersatz-Grossmutter in einer jungen Familie. Anna Schmid starb vor 16 Jahren, als unverheiratete Frau.

Freizeit und Ferien dank Ausbildung

Susanne Tobler würdigt auf dem Rundgang auch die unverheiratete Martha Keller (1894 bis 1980), Arbeitslehrerin im Pestalozzischulhaus. Aufgrund einer Ausbildung erhielt sie gute Arbeitsbedingungen. Anders als Dienstmädchen und Kellnerinnen, kam Martha Keller in den Genuss von Freizeit, die sie zu nutzen vermochte: in der Kirchgemeinde, in der Genossenschaft Volkshaus und im Frauen-Alpenclub Sektion Thurberg.

Das Schicksal einer Arbeiterfrau beleuchtet Susanne Tobler in der Person von Trudi Gertsch-Minder (1924 bis 2008). Ihr Mann arbeitete in der Kartonnage in Weinfelden und sie führte im Haus «zur Farb» an der Frauenfelderstrasse einen Tante-Emma-Laden. «Sie war eine liebe und gütige Frau», weiss Susanne Tobler. «Die Kinder nannten sie Stengeli-Gotte, weil sie immer Schokolade in der Schürzentasche hatte.»