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WEINFELDEN: «Sonnenburg» geht eigenen Weg

Anstatt auf Abstinenz setzt die Leitung des Wohnheims auf mit den Bewohnern vereinbarte Alkoholmengen. In dieser Konsequenz ist das neue Konzept «Zieloffene Suchtarbeit» einzigartig in der Region.
Mario Testa
«Sonnenburg»-Leiterin Manuela Rast plaudert mit Bewohner Peter Zgraggen in der Werkstatt. (Bild: Mario Testa)

«Sonnenburg»-Leiterin Manuela Rast plaudert mit Bewohner Peter Zgraggen in der Werkstatt. (Bild: Mario Testa)

WEINFELDEN. «Unter der Woche trinke ich vier Bier pro Tag, am Wochenende sechs», sagt Peter Zgraggen. Er ist einer der 30 Bewohner des Wohnheims Sonnenburg in Weinfelden. Die meisten seiner Mitbewohner sind auch Alkoholkranke, andere brauchen aufgrund einer psychischen Erkrankung täglich Medikamente, eine Handvoll hat körperliche Probleme. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie von einer Invalidenrente leben müssen. Zgraggen wohnt seit über fünf Jahren in der «Sonnenburg», er ist froh, kann er dort seine Bierbüchsen im Medikamentenraum beziehen und auf dem Gelände trinken. «Ich finde das gut, sonst müsst ich im Dorf Bier kaufen gehen und würde dann sicher auch mehr trinken. Zudem trinke ich nur abends, wenn ich in der Werkstatt arbeite. Nur an den Wochenenden gibt's schon früher ein Bier.»

Auf seine Bierration hat sich der 57-Jährige mit den Betreuern geeinigt. So sieht es das Konzept «Zieloffene Suchtarbeit – Alkoholkonsum erlauben und professionell begleiten» vor. «Zieloffen bedeutet nicht ziellos. Es bedeutet, mit Menschen an einer Veränderung ihres problematischen Suchtmittelkonsums zu arbeiten, und zwar auf ein Ziel hin, das sie sich selber setzen», erklärt Heimleiterin Manuela Rast.

Ziele werden gemeinsam festgelegt

«Es gibt Menschen, die können nicht abstinent leben, weil ihre Suchtkrankheit zu weit fortgeschritten ist. Und dann gibt es solche, die auf Grund psychischer Probleme nicht in der Lage sind, ihren Konsum aufzugeben.» Für solche Menschen sei es zielführender, gemeinsam festzulegen, wo die Grenze des Konsums liegt, als sie auf Abstinenz zu trimmen. Wer in der «Sonnenburg» aber abstinent leben will, dem wird geholfen. «Für alle anderen soll es die Möglichkeit geben, vereinbart Alkohol bei uns zu beziehen oder eigenverantwortlich zu konsumieren», sagt Rast. Die Abgabe im Medikamentenraum und die Erlaubnis, an bestimmten Orten und in bestimmten Räumen der Sonnenburg zu trinken, biete den Vorteil, dass die Männer nicht mehr im Dorf ihr Bier einkaufen und dort in der Öffentlichkeit konsumieren. «Die meisten Bewohner schätzen es ihrerseits, dass sie hier im gewohnten Umfeld trinken dürfen. Aber es gibt auch vereinzelte, die gehen dazu lieber raus ins Dorf.»

Grenzenlos erlaubt ist das Trinken weder für diejenigen, die ihr Bier in der Sonnenburg beziehen und trinken, noch für jene, die es lieber selber einkaufen gehen. «Die einen trinken eigenverantwortlich. Wenn sich das im Rahmen bewegt und keine Auswirkungen auf andere Bewohner hat, ist's okay», sagt Rast. «Bei den anderen werden Menge und Zeiten des Konsums gemeinsam definiert.» Fürs Personal bedeute dieser Ansatz, dass es einerseits gut geschult sein muss und andererseits die Bewohner eng begleitet. «Die Abgabe in der «Sonnenburg» macht es uns einfacher, die Männer zu begleiten, bei den Selbstverantwortlichen ist dies etwas schwieriger.»

Problematisch: Substanz anstatt Genussmittel

Manuela Rast ist sich bewusst, dass die Wahrnehmung dieser Gangart in der Öffentlichkeit problematisch sein kann. «Es gibt daher auch viele Institutionen, die diesen Weg aus Angst um ihren Ruf nicht gehen», sagt sie. «Ich finde auch, es braucht unbedingt beide Herangehensweisen, auch Häuser, die die Abstinenz propagieren.» Entscheidend sei bei der «Sonnenburg», die bereits auf eine über zehnjährige Erfahrung mit der Alkoholabgabe zurückblicken kann, dass dieses Vorgehen die Betroffenen stabilisiert und ihre Lebensqualität verbessert, sagt Rast.

Bei der Ausarbeitung des neuen Konzepts zur zieloffenen Suchtarbeit wurden Manuela Rast und ihr Team von Daniel Felder kritisch begleitet. Der Ausbildner, Sozialarbeiter und Coach hat Befragungen und Workshops durchgeführt. Er stellt dem Konzept ein gutes Zeugnis aus. «In der Konsequenz, wie die «Sonnenburg» damit umgeht, ist dieses Konzept in der Ostschweiz einzigartig», sagt er. Er sieht in der Alkoholabgabe keine Nachteile. «In der Suchtarbeit geht man grundsätzlich von der Abstinenz aus, das ist auch sinnvoll. Aber zu differenzieren, dass es auch Menschen gibt, wo das nicht mehr möglich ist, ist so anspruchsvoll wie wichtig.»

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