WEINFELDEN: So en Bschiss

Ein Ölgemälde im Rathaus zeigt Paul Reinhart, den ersten Präsidenten des freien Thurgaus. Er trägt die französischen Farben. Doch das Bild lügt.

Esther Simon
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Das Gemälde von Paul Reinhart hängt im Rathaus. Das Bild des unbekannten Malers zeigt den ersten Präsidenten des freien Thurgaus mit Schärpe in den Farben der französischen Trikolore. (Bild: Donato Caspari)

Das Gemälde von Paul Reinhart hängt im Rathaus. Das Bild des unbekannten Malers zeigt den ersten Präsidenten des freien Thurgaus mit Schärpe in den Farben der französischen Trikolore. (Bild: Donato Caspari)

Das Ölgemälde, das Paul Reinhart zeigt, hängt seit Jahren im ersten Stock des Rathauses. Doch nur wenige kennen sein Geheimnis. Das Bild lügt den Betrachter förmlich an. Paul Reinhart, 1798 der erste Präsident des freien Thurgaus, mag vielleicht noch so ausgesehen haben. Aber seine Schärpe bildet die Wahrheit nicht ab. Auf dem Gemälde trägt er die Farben Blau, Rot und Weiss, die Farben der französischen Trikolore. «Reinhart aber trug mit Sicherheit nicht diese Farben, auch wenn die Thurgauer die Franzosen als Befreier ansahen. Reinhart trug eine Schärpe in Grün, Rot, Gelb, den Farben der République helvétique.» Das sagte der Weinfelder Buchautor und Dorfführer Martin Sax während eines Vortrages am 8. März im Rathaus.


Farben wie auf der äthiopischen Flagge

Damit entlockte Sax den Zuhörern ein Schmunzeln, denn die heutige äthiopische Flagge sieht genau so aus, wenngleich sie in der Mitte noch ein Emblem hat. Dass Reinhart sich heute mit einer Schärpe in den Farben Blau, Weiss, Rot dem Betrachter stellt, führt Sax auf einen starken Lichteinfall in der Vergangenheit zurück, der das Grün zu Blau und das Gelb zu Weiss werden liess. Tatsächlich sind auf älteren Fotos, die Reinharts Porträt zeigen, noch die Farben Gelb und Grün zu sehen, wenn auch bereits ein bisschen verändert. Was ist passiert? Hat der Maler billige Farben verwendet? Hat er sie falsch gemischt? Wir wissen es nicht, wir kennen nicht einmal seinen Namen, auch das Entstehungsjahr des Porträts nicht.

Paul Reinhart, der von 1748 bis 1824 lebte, ist in Weinfelden heute noch allgegenwärtig. Sein Bild hängt im Rathaus, im Saal schaut seine Büste von der Wand herab, eine Strasse und ein Schulhaus tragen seinen Namen. Und am «Trauben» weist eine Inschrift darauf hin, dass Reinhart am 1. Februar 1798 «von dieser Treppe herab die entscheidenden Worte zur Befreiung des Thurgaus sprach». Reinhart war der Sohn des Zuckerbäckers Klemens Reinhart und der Anna Margare-tha Reinhart-Müller. In der «Alten Apotheke» an der Frauenfelderstrasse verbrachte er seine Jugendzeit. Reinhart stieg als Apotheker und Handelsmann rasch auf; 1792 war er der grösste Steuerzahler im Dorf, wie Hermann Lei (1910–2006) in seinem Weinfelder Buch schreibt. Doch Reinharts Beliebtheit im Volk gründete nicht auf seinen finanziellen Beiträgen an das Allgemeinwohl. Der Obervogt lobte seine Uneigennützigkeit, «die im Thurgau eine gar seltene Erscheinung sei». 1798 wurde der grossherzige Mann die Seele der thurgauischen Befreiungsbewegung. Lei schreibt, Reinhart sei es zu verdanken, dass der Thurgau «in Würde und Festigkeit den Weg zur Freiheit beschritt». Die erste Regierung, das Komitee, tagte am heutigen Sitz des Verwaltungsgerichtes, im «Haus zum Komitee». Reinhart hatte es für seine Familie bauen lassen.