WEINFELDEN: Rasante Fahrt über Stock und Stein

Die Postauto-Verbindung zwischen Weinfelden und Wuppenau ist die einzige Buslinie, die den Bezirk Weinfelden nie verlässt. Sie verbindet das Grosszentrum Weinfelden mit der Peripherie im Süden und schafft so Brücken zwischen zwei Welten.

Sabrina Bächi
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Pünktlich fährt das kleine Postauto der Linie 934 bei der Haltestelle Alterszentrum ab und lässt den Viadukt und die beiden Bussnanger Kirchen hinter sich. Hier beginnt der kurvige Abschnitt der Strecke nach Wuppenau. (Bild: Mario Testa)

Pünktlich fährt das kleine Postauto der Linie 934 bei der Haltestelle Alterszentrum ab und lässt den Viadukt und die beiden Bussnanger Kirchen hinter sich. Hier beginnt der kurvige Abschnitt der Strecke nach Wuppenau. (Bild: Mario Testa)

Von Weinfelden über Stadler-City, mitten durchs Grüne an die unspektakulärste Endhaltestelle im Kanton Thurgau. Die Reise mit dem Postauto auf der Linie 934 von Weinfelden nach Wuppenau hat einiges zu bieten, vor allem die wilde Fahrt durchs landwirtschaftlich geprägte Gebiet am Nollen mit toller Aussicht auf den Ottenberg und das Thurtal macht diese Reise attraktiv. Los geht die Fahrt auf breiten Hauptstrassen, was danach folgt sind unebene und kurvige Landstrassen.

Angenehm kühl ist es im kleinen Postauto, das täglich seine Runden durch die vier Gemeinden Weinfelden, Bussnang, Schönholzerswilen und Wuppenau dreht. Passagiere hat es, mitten am Nachmittag, nur wenige. Der Altersdurchschnitt aller Insassen liegt bei geschätzten siebzig Jahren. Die Senioren widerspiegeln das Hauptklientel zu Randzeiten. «Zu Stosszeiten hat es doch einige Pendler, die am Morgen von Wuppenau nach Weinfelden und am Abend zurückfahren», sagt Busfahrerin Esther Amstutz. Ebenso ist die Strecke zwischen der Firma Stadler in Bussnang und dem Bahnhof Weinfelden höher frequentiert als der Rest der Linie. «In der Mitte der Strecke zwischen Friltschen und Wuppenau ist wenig los», bestätigt Amstutz. Die Weiler dort bestehen hauptsächlich aus Bauernhöfen, bei denen Wohn- und Arbeitsort vereint sind – pendeln unnötig.

Ein abenteuerlicher Umweg

Aufgrund von Bauarbeiten wird der Streckenabschnitt zwischen Hagenbuch und Wuppenau zurzeit nicht bedient. Fahrgäste, welche nach Wartenwil oder Hagenwil möchten, müssen ab Hagenbuch den Weg zu Fuss in Angriff nehmen. Das Postauto muss einen anderen Weg einschlagen. Dieser Umweg ist der abenteuerlichste Abschnitt der Strecke. Die Strasse ist eng und kurvig. An der Seite peitschen die Äste der Bäume an die Scheiben. Diese Strasse wird normalerweise wohl nicht von Bussen passiert. «Ich bin diese Umleitung heute zum ersten Mal mit dem Bus gefahren», sagt Amstutz lachend. «Es ist schon eine abenteuerliche Variante.»

Grundsätzlich bedient die Linie 934 kleine Weiler, die, so versteckt sie liegen, mit ihrem heimeligen Charme punkten. Mitten im Nirgendwo fährt der Bus vorbei an wunderschönen Riegelhäusern, grossen Bauernhöfen und schmucken, neugebauten Einfamilienhäusern. Einige Kälber verfolgen aus ihrem Stall das gelbe Gefährt mit neugierigen Blicken, die Kühe auf der Weide würdigen es nur mit einem kurzen Kopfdrehen und fressen dann gemächlich weiter.

Wunderschön sind die vielen und mächtigen Hochstämmer, die einem während der gesamten Fahrt immer wieder ins Auge stechen. Birnbäume ragen über alles hinaus; die Tannen im Wäldchen dahinter scheinen regelrecht klein zu sein. Man möchte fast meinen, diese Orte «wiit ab vom Schuss» seien die grüne Lunge des Thurgaus, wenn da nicht die immer wiederkehrenden gelben Getreidefelder wären. Geometrisch durchziehen sie die Landschaft wie ein überdimensional grosses Schachbrett. Dabei beziehen auch schon einige Schachfiguren, die auf diesem Brett ihre tägliche Partie spielen, ihre Position. Die Bauern, das ist klar, stehen in der vordersten Reihe. Zwei grosse Birnbäume sehen aus wie die Türme, das Rindvieh ähnelt den Springern, und bei alledem wäre das Postauto wohl der Läufer. Die Dame ist in diesem Fall Bus-Chauffeuse Esther Amstutz, und König ist sowieso jeder Kunde, der mit dem Postauto reist. Fehlt nur noch ein zweiter Läufer, der nächste Bus der Linie 934 kommt allerdings erst in zwei Stunden. Diese Frequenz ist angesichts des fast leeren Postautos kein Wunder.

Eine trostlose Endstation

Alle Haltestellen sind mit der gleichen Tafel beschriftet und mit einem Fahrplan bestückt. Während die Haltestellen in den Weilern ein Flair der Einfachheit ausstrahlen, die zum Ort und der Umgebung passen, mutet die Endhaltestelle in Wuppenau trostlos an. In Weinfelden wirkt der Busbahnhof mit den fünf Haltestellen, die sogar elektronisch beschildert sind, regelrecht modern und riesig. In Wuppenau muss man fast mit dem Feldstecher nach dem Informationsschild zur Busverbindung 934 suchen. Das Schild von «WilMobil» beansprucht deutlich mehr Platz, nur ein kleiner gelber Streifen bleibt auf der Tafel für die Postautolinie. Des weiteren hat es keine Sitzmöglichkeit, um auf den Bus zu warten, geschweige denn einen Unterstand. Der Fahrgast wird diesbezüglich regelrecht im Regen stehengelassen.

Wichtig für die Dorfbewohner

Für die Rückfahrt wartet in Wuppenau kein einziger Gast, erst in Lanterswil steigt einer zu. Trotzdem: «Die Busverbindung nach Weinfelden ist sehr wichtig für unser Dorf, vor allem für die älteren Personen», sagt Regula Zürcher vom Dorfladen Vita Plus in Wuppenau. «Auch Angestellte von unserem Laden kommen mit diesem Bus zur Arbeit. Wie viele Personen mit dem Bus einkaufen kommen, weiss ich allerdings nicht.»

Der persönliche Service im kleinen gelben Wagen hingegen ist freundlich und teils sehr persönlich. Als ein jüngerer Reisender einsteigt, wird er von Esther Amstutz fröhlich mit Namen begrüsst. Man kennt sich, denn Fahrgast Marco Hodel verkehrt öfters mit dem Postauto nach Weinfelden. «Es ist praktisch, in Weinfelden habe ich eine Stunde Zeit zum Einkaufen, dann fährt der Bus auch schon wieder zurück», sagt er.

Bild: SABRINA BÄCHI

Bild: SABRINA BÄCHI