WEINFELDEN: Katze in der Suppe

1816 war das Jahr ohne Sommer. Es regnete viel, und die Ernten blieben aus. Die Bevölkerung in weiten Teilen des Thurgaus hungerte. Die Weinfelder verteilten täglich 170 Portionen Habermus an Arme.

Esther Simon
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Das Dokument beschreibt das Leid, das 1816/17 über die Ausserrhoder Bevölkerung hereingebrochen war. Bis 30. Dezember ist das Schriftstück im Museum Herisau zu sehen. (Bild: Michel Canonica)

Das Dokument beschreibt das Leid, das 1816/17 über die Ausserrhoder Bevölkerung hereingebrochen war. Bis 30. Dezember ist das Schriftstück im Museum Herisau zu sehen. (Bild: Michel Canonica)

WEINFELDEN. Schon 1814 und 1815 waren keine guten Bauernjahre gewesen. Auch 1816 regnete es ausserordentlich viel. «122 Regentage, davon 35 mit heftigem Schneefall», notiert der Weinfelder Gemeindeschreiber in einem Protokoll. Die Feldmäuse seien aus ihren feuchten Löchern geflohen, heisst es in einem Zusatzprotokoll der Feldkommission. Auf den Feldern verfaulen die Kartoffeln.

Was nun kommt, ist eine der grössten Hungerkatastrophen in unserem Land. Besonders hart trifft es die Ostschweiz. Die Menschen essen in der Not Katzen- und Hundefleisch. «Man nahm zu den elendesten Speisen Zuflucht», heisst es in einem Schriftstück, das derzeit im Museum in Herisau ausgestellt ist. Heu wird auf dem Ofen gedörrt, dann zu Mehlstaub zerrieben und im Wasser gekocht.

Lebensmittelpreise steigen ins Unermessliche

Die Lebensmittelpreise steigen ins Unermessliche. Die Bettelei – seit 1806 im Thurgau verboten – greift um sich. In Herisau zählt man an einem einzigen Tag 900 Bettler vor einem Haus. Die Menschen verwahrlosen. Wegen des Niedergangs der Textilindustrie haben sie kein Geld, um sich anständige Kleidung für den Kirchgang zu besorgen.

Ausserordentlich viele Menschen sterben – an Hunger oder an den Seuchen, die 1817 ausbrechen. Auch im Thurgau sterben Menschen auf offener Strasse. «Nicht zu unterschätzen ist das krank machende Erlebnis der Entwürdigung, die mit dem Verzehr ungewohnter und tabuisierter Nahrung verbunden war», schreibt Fridolin Kurmann im Historischen Lexikon der Schweiz. Weinfelden habe es insgesamt nicht so hart getroffen, weiss der Weinfelder Bürgerarchivar Franz Xaver Isenring. Jedenfalls ist ihm kein gemeinderätliches Bulletin bekannt, wie es andernorts im Thurgau wegen der Not herausgegeben wurde. Isenring vermutet, dass die Menschen im Mittelthurgau mehr aus dem Boden holen konnten als die Leute im hügeligen Hinterthurgau, und dass sie – dank der Zeitungslektüre, die sie sich leisten konnten – besser informiert waren. Auch hätten die Weinfelder – das Dorf zählte etwa 2000 Einwohner – in einem gewissen Wohlstand gelebt, was die Anlegung von Notvorräten erlaubt habe. Als der Regierungsrat 1816 die Armenfürsorge auf die noch jungen Munizipalen abwälzen wollte, wehrten sich die Weinfelder. Sie könnten das ohne Einmischung selber tun, hiess es. Tatsächlich erhielten damals vor dem Rathaus etwa 170 Personen täglich eine Portion Habermus. Natürlich fragten sich die Menschen, weshalb diese Katastrophen über sie hereingebrochen waren. War es eine Strafe Gottes? Leiteten die vielen Blitzableiter die Wärme ins Weltall ab? Erst im 20. Jahrhundert sollten Wissenschafter entdecken, dass ein gewaltiger Vulkanausbruch in Indonesien im April 1815 zur weltweiten Abkühlung geführt hatte.

Hatili und die Hungersnot, Ausstellung im Museum Herisau, bis 30. Dezember, Mittwoch bis Sonntag, 13 bis 17 Uhr.