WEINFELDEN: Glatt verboten

Würde heute noch ein Vogt im Schloss hausen, er würde den Weinfeldern alles untersagen: Die Wega, die Chlausbesuche – und die Fasnacht, die heute beginnt.

Esther Simon
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Der Mensch und die Prügelei – Ausschnitt aus dem Gemälde «Volksleben vor einem Wirtshaus» von Anton Möller (1560 bis 1620). (Bild: PD)

Der Mensch und die Prügelei – Ausschnitt aus dem Gemälde «Volksleben vor einem Wirtshaus» von Anton Möller (1560 bis 1620). (Bild: PD)

WEINFELDEN. Wie schön es die Weinfelder Chläuse und die Messeveranstalter doch haben. Sie dürfen ihre Anlässe ungestört durchführen, auch wenn die Chläuse vermummt herumlaufen und die Leute sich an der Wega verprügeln, schlimmer noch: wenn sie betrunken auf der Strasse liegen, als wären sie tot. Keinem käme es in den Sinn, die Veranstaltungen deswegen zu verbieten. Doch das war nicht immer so.

Vor 250 Jahren untersagte die Zürcher Regierung den Weinfeldern das Aschermittwochfest und die Durchführung des Fasnachtsumzugs. Der Obervogt und der evangelische Pfarrer hatten die Regierung dazu angestachelt. Der Pfarrer meinte, die Jugend müsse bei derlei Umtrieben ins Verderben rennen.

König Ulrich I. hält Gelage im «Trauben» ab

Dabei hatte die Weinfelder Fasnacht gerade zu jener Zeit mit dem König Ulrich I. ihre Hochblüte erlebt. Der König hiess mit bürgerlichem Namen Hans Ulrich Keller und stammte aus der «Frömde», aus Gontershofen, einem heutigen Ortsteil von Weinfelden. Die Umzüge zum Schloss hinauf und ins Dorf hinunter und die Feste, die der König veranstaltete, waren legendär: Sein Parlament, aus 40 Personen bestehend, tafelte an der Fasnacht drei Tage und drei Nächte im «Trauben», wobei strenge Regeln galten. Wer am Tisch einschlief oder fluchte, wurde gebüsst, schreibt der Lokalhistoriker Hermann Lei (1910 bis 2006) in seinem Weinfelder Buch. 1807 schaffte der Gemeinderat die vermummten Chläuse ab. Ihnen konnte allerdings zur Last gelegt werden, sie hätten besonders in den Silvesternächten zu viel Unfug getrieben. Seither sind in der Gemeinde nur noch liebe Chläuse unterwegs, die die Kinder reich beschenken. Auch die Chilbi brachte Betrieb in den Alltag. Meist aber arteten die Festlichkeiten in Trinkgelage und Schlägereien aus. Es seien deshalb die Wirtschaften um 18 Uhr von einheimischen und fremden Personen zu säubern, ordnete der Obervogt an.

Ein Schuss trifft einen Burschen tödlich

Zum Eclat kam es vor 200 Jahren, als die Weinfelder wieder nach Märstetten zogen, um die dortige Chilbi zu belustigen. Es kam zu wüsten Raufereien. Obschon die Pfarrer den Burschen ins Gewissen redeten, fand ein Gegenbesuch der Märstetter in Weinfelden statt. Bei den bald ausbrechenden Streitigkeiten traf ein Schuss einen Burschen tödlich. Später wurde die Chilbi so bedeutungslos, dass sich der Brauch von selbst auflöste. Der Gemeinderat verbot auch die Lichtstubeten und die Fasnachtsfeuer. Man glaubte, wenn der Mensch an der Fasnacht keinen Funken mache, so lasse es der Herrgott das Jahr hindurch umso mehr blitzen und donnern. Wie sich doch die Zeiten ändern.