WEINFELDEN: Die geheime Tür zur Migros

Die Beziehung des Detailhandels mit dem Grossverteiler ist keine Liebesgeschichte. Das Museum des Kantons Basel-Landschaft in Liestal gibt Einblick in einen 1946 im Dorf ausgefochtenen Kampf.

Esther Simon
Drucken
Teilen
Der Band des «Brückenbauers» mit dem Artikel über den Knatsch in Weinfelden in der Ausstellung im Museum in Liestal. (Bild: Esther Simon)

Der Band des «Brückenbauers» mit dem Artikel über den Knatsch in Weinfelden in der Ausstellung im Museum in Liestal. (Bild: Esther Simon)

Esther Simon

esther.simon@thurgauerzeitung.ch

Manchmal will es der Zufall, dass man auswärts eine Geschichte aus dem eigenen Dorf erfährt. Beispiel: Das Museum des Kantons Basel-Landschaft in Liestal zeigt zurzeit eine Ausstellung über die Firma Hanro, die in Liestal hochwertige Textilien produzierte und zu Spitzenzeiten etwa 800 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen stammte aus Norditalien. Zwei Mitarbeiter des Hanro-Personalbüros waren eigens nach Italien gereist, um die Mitarbeiterinnen zu rekrutieren. Die Frauen waren fleissig und daher sehr geschätzt.

«Wie sie in Weinfelden die Migros bekämpfen»

Die Ausstellung in Liestal würdigt das Wirken dieser Frauen, unter anderem in einem Artikel im «Brückenbauer» – so hiess die Migros-Zeitschrift früher – vom 18. Oktober 1946. Der Zeitungsband liegt aufgeschlagen in einer Vitrine. Und jetzt kommt’s: Ebenfalls in der Ausgabe vom 18. Oktober 1946 ist ein Artikel unter dem Titel «Wie sie in Weinfelden die Migros bekämpfen» zu lesen. Der Artikel nimmt Bezug auf eine «sehr gut besuchte» Versammlung der Baugewerbegruppe des Gewerbevereins Weinfelden, «die nahezu einstimmig eine Resolution fasste, wonach sich die Mitglieder verpflichten, im Interesse und zur Erhaltung des gewerblichen Mittelstandes für die Migros-Genossenschaft auf dem Platz Weinfelden keinerlei Bauarbeiten auszuführen.» Da waren die Weinfelder Gewerbler aber an den Falschen geraten. «Unsere Genossenschafter haben keinen Grund, den Beschluss der Zünftler von Weinfelden zu bedauern», schreibt der «Brückenbauer». «Ist es etwas anderes als ein Kompliment für die leistungsfähige Migros?» Die offensichtliche Angst des Gewerbes sei die denkbar beste Reklame für die Migros St. Gallen «und geradezu eine Aufforderung an die Hausfrauen, sich bei der neuen rührigen Genossenschaft einzudecken». «Unsererseits», heisst es weiter im Artikel, «hätten wir dem furchtsamen Gewerbeverein zu einer ganz anderen Abwehr geraten. Würde es nicht viel mehr imponieren, wenn man jetzt gegenüber den Konsumenten von Weinfelden die eigenen Leistungen zu Gunsten des Familientisches klar und eindringlich nachwiese?»

«Ein ausgesprochener Schlag ins Wasser»

«Im Übrigen», fährt der Artikel fort, bedeute der Weinfelder Bauboykott «natürlich einen ausgesprochenen Schlag ins Wasser. Es hat sich sofort gezeigt, dass es nicht einmal der geringsten Bemühungen der Migros St. Gallen bedarf, um Handwerker zu finden, die mit Vergnügen die notwendigen Bauarbeiten an die Hand nehmen.» So wurden also 1946 Kämpfe ausgefochten. Der Migros-Laden war damals an der Rathausstrasse 15, wo sich heute das Tattoo-Studie befindet. Damals wurde auf dem Durchgang Nordseite eine zusätzliche Türe eingebaut, damit auch Leute in der Migros einkaufen konnten, die dabei nicht gesehen werden wollten. In der Migros einkaufen, das war in den 1960er- und 1970er-Jahren manchmal tatsächlich ein Spiessrutenlauf für viele Hausfrauen, und das überall, wo es eine Migros gab.

Man wollte es sich ja mit den Detaillisten, die man alle kannte, nicht verderben. Und man wollte sich ja auch nicht dem Verdacht ausliefern, man habe zu wenig Geld und müsse deshalb günstig einkaufen. An diese geheime Türe kann sich der Weinfelder Buchautor und Dorfführer Martin Sax noch sehr gut erinnern. «Die Tür bestand auch noch, als die Migros ab 1964 bereits im Hochhaus am Marktplatz war.»

 

Ausstellung

«Forse nella Hanro?», Museum des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, bis 27. August, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr.