WEINFELDEN: Der Aufschwung kam auf leisen Pfoten

Jahrhundertelang war das Dorf von Landwirtschaft geprägt. Den Fortschritt brachten vor 200 Jahren französische Flüchtlinge mit technischen Impulsen.

Esther Simon
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Eine Familie präsentiert sich um 1910 dem Fotografen. Sie ist soeben im aufstrebenden Weinfelden angekommen. (Bild: PD)

Eine Familie präsentiert sich um 1910 dem Fotografen. Sie ist soeben im aufstrebenden Weinfelden angekommen. (Bild: PD)

Im 18. Jahrhundert präsentierte sich der Thurgau als wilder Flickenteppich. Handel und Gewerbe fanden hauptsächlich innerhalb der Dörfer statt. Das änderte sich 1803, als der Thurgau ein souveräner Staat wurde – und Hortense de Beauharnais, die Mutter des späteren Kaisers Napoleon III., 1817 das Schlösschen Arenenberg kaufte. «Damals hörte das Mittelalter im Thurgau auf. Mit Hortense kamen viele reiche und gescheite französische Flüchtlinge nach Konstanz respektive in den Thurgau», sagte der Buchautor und Dorfführer Martin Sax in seinem Vortrag vom Mittwochabend im Rathaus. Von den Franzosen stammt das erste Dampfschiff auf dem Untersee, die «Stephanie».

Immer ein Bett für Louis Napoleon

Louis Napoleon – der spätere Kaiser – verbrachte die Jugend auf dem Arenenberg, absolvierte in Thun die eidgenössische Offiziersschule unter General Henri Dufour und wurde Artillerist. Die Thurgauer wählten ihn in den Grossen Rat. Er war Mitbegründer der thurgauischen Schützengesellschaft. «Louis Napoleon war oft in Weinfelden. Die Weinfelder hielten immer ein Bett für ihn bereit», sagte Sax, «dieses Bett steht heute, allerdings zu einem Sofa umgebaut, im Trauzimmer des Freudiger-Pavillons.» Um 1800 lebten in Weinfelden etwa 2000 Einwohner. Hundert Jahre später waren es fast doppelt so viele. Der Ort erlebte einen Aufschwung. Die Einwohner erkannten die Bedeutung der Strassen für einen erfolgreichen Handel. «1824 zahlten die Weinfelder 100 Gulden, damit die Strasse nach Bischofszell gebaut werden konnte», sagte Sax.

Es war auch die Zeit, als Martin Haffter einen regen Handel zu treiben begann. Sax: «Haffter handelte mit allem, mit Seife, Wolle, vor allem aber mit Stahl und Messing. Sein Handelsgebiet erstreckte sich von der Nordsee bis nach Genua und von der Steiermark bis nach Lyon, und das in einer Zeit, als man hauptsächlich zu Fuss unterwegs war.» Der Bau der Eisenbahn in den 1850er-Jahren brachte weiteren Aufschwung. 1857 kam die Spinnerei Bühler ins Dorf, ab 1904 profitierten die Menschen vom Gas, und im ­November 1908 konnten sie ­erstmals ihre Stuben elektrisch ­beleuchten. 1911 wurde die Mittel-Thurgau-Bahn eingeweiht. Gleichzeitig eröffneten die ersten Garagen im Dorf. «Aber noch 1920 gab es keine einzige geteerte Strasse in Weinfelden», sagte Sax. Die Thurgauer Kantonalbank war 1871 eröffnet worden. Sie war eine von 40 konzessionierten Instituten, die bis 1907 Notengeld herausgeben konnten. Beim Bahnhof entstand das Warenhaus zur Stadt Paris, im Osten die Schuhfabrik Freudiger, an der Schützenstrasse wurden Geschäftssitz und Druckerei des «Thurgauer Tagblatts» gebaut. Und Otto Wartmann betrieb beim Bahnhof seinen Käseexport. Der Rest ist auch schon wieder Geschichte.

Esther Simon

esther.simon@thurgauerzeitung.ch

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Frauenspuren, 26. April, Rathaus.