WEINFELDEN: Das Glück der Erde

Auf der Fohlenweid leben 45 Pferde jeden Alters. Reitlehrerin Susi Germann liebt den Umgang mit ihren Tieren. Ein Leben ohne Ross kann sie sich gar nicht vorstellen.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Reitlehrerin Susi Germann mit dem Irischen Sportpferd Fifty Shades. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Reitlehrerin Susi Germann mit dem Irischen Sportpferd Fifty Shades. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

weinfelden

@thurgauerzeitung.ch

Fifty Shades schaut aus dem Stallfenster und geniesst es, Aufmerksamkeit und einige Streicheleinheiten zu erhalten. «Unsere Schecke ist ein fünfjähriges Irisches Sportpferd», erzählt Susi Germann. Besonderes Merkmal sei deren zartrosa Haut, denn normalerweise hätten Pferde eine schwarze Haut. Susi Germann ist eidgenössisch diplomierte Reitlehrerin. Zusammen mit Hans-Kaspar Bornhauser hat sie die Weinfelder Fohlenweid gepachtet – die älteste der Schweiz. Eine auszubildende und eine gelernte Pferdepflegerin sowie zwei Hilfskräfte arbeiten auf dem Landwirtschaftsbetrieb mit.

Aktuell leben rund 45 Tiere auf dem 18 Hektaren grossen Areal. «Nebst unseren Schul- und Sportpferden sind auch Pensions- und Ferienpferde hier», erklärt Susi Germann. Die Pferde geniessen täglichen Weidegang. Alte Pferde können ihren Lebensabend mit den Fohlen zusammen auf einer grossen Weide verbringen, gleich neben dem Stall. «Die jungen Tiere können von den alten lernen und umgekehrt.»

Viele Pferde ohne Hufeisen

Das älteste Pferd, das auf der Fohlenweid lebt, ist Chiaro, ein 28-jähriger Irländer. Augenfällig ist, dass die Tiere auf der Weide keine Hufeisen tragen. «So besteht keine Verletzungsgefahr», erklärt die Reitlehrerin. Junge Pferde werden im Alter von etwa dreieinhalb Jahren angeritten. Erst dann werden diese mit Hufeisen beschlagen. Lachend erinnert sich die im aargauischen Rudolfstetten aufgewachsene Susi Germann an ihre erste Pferde-Begegnung. «Ich besuchte mit meiner Klasse eine Veranstaltung. Dort durfte ich mich auf ein Pony setzen.» Germann weiss noch ganz genau, wie es sich angefühlt hat: «Es war wahnsinnig schön, aber ein bisschen gwagg­lig auf dem Ponyrücken.» Von da an sei sie vom Ponyvirus infiziert gewesen und regelmässig zu Fuss nach Urdorf zum Ponyhof gegangen. Dort habe sie jeweils vier Stunden Ponys ausgeführt, um dafür eine Stunde gratis zu reiten. Es folgten ein Praktikum auf einem Ponyhof und die Ausbildung zur Reitlehrerin bei Paul Weier in Elgg.

Ein Pferd, das niemand mehr haben wollte

Ihr erstes Pferd hat Susi Germann von ihrer Grossmutter geschenkt bekommen. «Meine Oma hat mir Kasimir gekauft – ein Pferd, das niemand mehr haben wollte», verrät sie. Im Alter von 21 Jahren konnte Susi Germann ihren ersten Stall in Pacht nehmen. Später hielt sie in Sihlbrugg 15 Pensionspferde. Nach Weinfelden verschlug es sie der Liebe wegen. Seit acht Jahren ist sie nun auf der Fohlenweid.

Nebst vielen schönen Erlebnissen gibt es auch traurige und schmerzhafte Erfahrungen. «Dann, wenn wir von einem Pferd Abschied nehmen müssen.» Wer ein Pferd besitze, trage nicht nur Verantwortung für sein artgerechtes Leben. Er trage auch Verantwortung dafür, den richtigen Zeitpunkt des Ablebens zu bestimmen. Ihr Leben ohne Pferde kann sich Susi Germann nicht vorstellen. «Obwohl ich in vielen anderen Berufen mehr Geld verdienen würde, habe ich den schönsten Beruf, den es überhaupt gibt.»