Was Grossmutter noch wusste

Früher war alles anders – manchmal besser, manchmal schlechter. Und einiges war sogar gleich. Am Frauenzmorge haben ein paar Arbonerinnen bei Kafi und Gipfeli einen Blick in die Vergangenheit geworfen.

Michèle Vaterlaus
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Lina Brunner (73) aus Arbon.

Lina Brunner (73) aus Arbon.

arbon. Der erste «Frauenzmorge» der evangelischen Kirchgemeinde im neuen Jahr stand unter dem Motto «Was Grossmütter noch wussten». Angelica Grewe leitet den Frauenzmorge seit zehn Jahren und erzählte letzten Mittwoch über Henriette Davidis, die wohl berühmteste Kochbuchautorin Deutschlands. An ihrem Beispiel zeigte Angelica Grewe auf, was sich in der Küche seit dem 19. Jahrhundert verändert hat.

«Henriette Davidis hat mir ihrem Schreiben den Beruf der Hausfrau und Mutter aufgewertet», sagt Grewe. Die Besucherinnen des Frauenzmorge haben bei Kafi und Gipfeli einen Blick in die Vergangenheit von Arbon geworfen. Sie erzählten was anders war – oder was auch heute noch in ähnlicher Weise vor sich geht.

Waschen am See

«Meine Mutter hatte einmal in der Woche Waschtag.

Dann ist sie an den Waschplatz am See gegangen, wo heute das Hotel Wunderbar steht», erzählt Ingrid Anderes. Sie sei als Kind nie mitgegangen, doch die Arbeit hätte jeweils einen ganzen Tag gedauert, erinnert sich die 61-Jährige. Ihre Mutter habe am Morgen ihr Waschbrett mitgenommen. «Die saubere Wäsche hat sie zu Hause aufgehängt.» Später sei dann die erste Waschmaschine gekommen. «Das Wasser dafür mussten wir selbst mit dem Ofen heizen.»

Spuren vom Krieg

Lina Brunner weiss noch, dass ihre Eltern in der Nachkriegszeit Kinder aus der Verwandtschaft in Deutschland bei sich aufgenommen haben. «Die Kinder waren zu dieser Zeit oft unterernährt», sagt die 73-Jährige. In Stachen angekommen mussten die Kinder zuerst einer Wurmkur über sich ergehen lassen. «Die Medikamente wurden als Schoggi getarnt verabreicht», lacht sie.

Während ihres Aufenthalts in der Schweiz haben die Gästekinder mit ihr und ihrer Schwester die Schule in Stachen besucht. Dass ihre Familie die Kinder aufnehmen konnte, war nur möglich, weil ihre Mutter in einer Fabrik gearbeitet hat. «Sie ist dafür jeweils zu Fuss bis nach Rorschach gelaufen», so Lina Brunner.

Unterschiedliche Religion

Kindheitserinnerungen aus Arbon hat auch Erika Siegwart.

«Es gab eine Zeit, da durften im Städtli die katholischen und die evangelischen Kinder nicht miteinander spielen», erzählt sie. Natürlich habe man die Konfession den Kindern nicht angesehen, aber die Eltern hätten gesagt, mit welchen Kindern gespielt werden durfte. «Das war um 1929 bis in die 30er- Jahre», sagt die 88-Jährige. Das sei lange Zeit bis zur Ökumene so gewesen. «Von damals gäbe es so viel zu erzählen, aber das braucht zu viel Zeit», sagt sie.

Berufstätige Frauen

Ursula Meyer erinnert sich an vier ledige Schwestern in Arbon, die gemeinsam einen Tante-Emma-Laden geführt haben. Ledige Frauen waren früher ebenso selten wie berufstätige Frauen. «Die Schatz-Schwestern haben mich deshalb immer beeindruckt», erzählt die 76-Jährige. Besonders gut erinnert sie sich an die Samstage. «Da war im Laden grosser Bestelltag», sagt sie. Das Einkaufen war aber nicht das Wichtigste. «Die Leute haben sich getroffen und geplaudert, Klatsch und Tratsch ausgetauscht», erzählt sie.

«Eigentlich ganz ähnlich wie heute im Coop oder in der Migros.»

Der nächste Frauenzmorge findet am Mittwoch, 9. Februar, um 9 Uhr im evangelischen Kirchgemeindehaus statt.

Ingrid Anderes (61) aus Arbon.

Ingrid Anderes (61) aus Arbon.

Ursula Meyer (76) aus Arbon. (Bilder: Michèle Vaterlaus)

Ursula Meyer (76) aus Arbon. (Bilder: Michèle Vaterlaus)