«War vor allem mein Entscheid»

Von einer chinesischen Millionenstadt nach Romanshorn: Austauschschülerin Kun Huang besuchte für ein Jahr die zweite Klasse der Kantonsschule. Sie spricht über ihre Erfahrungen mit unserer Lebensweise.

Stefanie Müller
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«Die Menschen hier leben fast schon ein wenig gleichgültig»: Kun Huang am See in Romanshorn. (Bild: Stefanie Müller)

«Die Menschen hier leben fast schon ein wenig gleichgültig»: Kun Huang am See in Romanshorn. (Bild: Stefanie Müller)

Beinahe ein Jahr ist es her, als die Chinesin Kun Huang die Kantonsschule in Romanshorn zum erstenmal betrat. Die 17-Jährige hatte sich für ein Austauschjahr entschieden und musste sich im ehemaligen Eisenbahnerdorf Romanshorn mit rund 9500 Einwohnern zurechtfinden. In Guangzhou, ihrer Heimatstadt im Süden von China, nahe bei Hongkong, leben mehrere Millionen Menschen.

Auch kritische Stimmen

«Die Schweiz hat bei uns einen guten Ruf», sagt Kun Huang. Reich sollen die Menschen in der Schweiz nach Ansicht der Chinesen sein, und das Land sei schön und sauber. Kun Huang gefiel die Möglichkeit, die Schweiz dank eines Austauschjahres kennenzulernen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Doch nicht jeder in ihrem Umfeld war gleich erfreut von dieser Idee: «Eine Lehrerin meinte, das sei unnötig und ich würde während dieser Zeit zu viel verlernen.

» Ihre Eltern hingegen seien offen, auch wenn sie nicht besonders reich seien. «Es war vor allem mein Entscheid», hält sie fest.

Schule in China wichtiger

Kun Huang hat seit ihrer Ankunft gut Deutsch gelernt. Ihre Sprache wirkt gewählt, sie scheint sich einen breiten Wortschatz zugelegt zu haben. Ebenfalls hat sie die kulturellen Unterschiede schnell wahrgenommen.

Besonders in der Schule merkte sie, wie sich die Einstellung der beiden Länder zur Bildung unterschied. «Dort ist vieles anders», sagt sie über ihre Heimat. In China spiele die Schule eine viel grössere Rolle als in der Schweiz. «Wir müssen viel lernen, damit wir eine Chance auf Arbeit haben.» Und selbst dann gebe es keine Garantie, eine Stelle zu finden.

«Arbeiten und geniessen»

In ihrer Heimatstadt besucht Kun Huang ein Internat. Das ganze Leben sei dort von der Schule geregelt. Sechs Tage die Woche gibt es Schulstunden, und selbst am Abend müssen die Schüler drei Stunden in einem Klassenzimmer sitzen, um ihre Hausaufgaben zu machen. In der Schweiz sei das Leben nicht so anstrengend, findet sie. Man lebe nach dem Motto «Jetzt arbeiten wir, dann können wir geniessen» – so zumindest Kun Huangs Eindruck.

Thema Gleichgültigkeit

Die schweizerische Mentalität habe sie ein wenig erstaunt, sagt Kun Huang weiter. Die Menschen hier würden sehr unabhängig voneinander leben, wenn nicht schon fast ein bisschen gleichgültig. «Man erwartet hier, dass alles perfekt erledigt wird. In China helfen wir einander», sagt sie. Kun Huang ist ein Einzelkind. Mit ihrem Aufenthalt in der Schweiz hat sie in ihrer Gastfamilie in Zihlschlacht für ein Jahr das Leben mit einer Schwester auf Zeit kennengelernt. «Das war etwas Neues für mich.

Es verlief nicht alles konfliktlos.» Gefallen habe ihr allerdings, dass die Eltern in der Schweiz ihrer Wahrnehmung nach nicht eine so grosse Rolle einnähmen wie in China. «Hier können die Kinder selber entscheiden, was sie machen wollen.» Mit ihren Eltern zu Hause hat sie in diesem Jahr dreimal telefoniert. «Ist das schlimm?», fragt sie.

Traumberuf Regisseurin

«Ich muss gehen, ob ich möchte oder nicht», meint Kun Huang zu ihrer Abreise. Sie freut sich auf das chinesische Essen, darauf, gute Freunde wieder zu treffen und wieder alte klassische Filme zu schauen. «Hier gucke ich, was die anderen schauen», hält sie fest. Ihr Traum ist es, Regisseurin zu werden. Sie kann sich gut vorstellen, in China zu arbeiten, um dort Dokfilme zu drehen. «Obwohl: Hier in der Schweiz zu leben, wäre auch eine gute Möglichkeit», fügt sie schmunzelnd hinzu.

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