Wandern, bis der Mond aufgeht

Es ist Samstagabend kurz vor halb acht und die Sonne brennt immer noch heiss vom Himmel. Vor dem Kulturforum warten gut zwei Dutzend Menschen auf den Abmarsch zur Vollmondwanderung.

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In Einerkolonne dem Hegibach entlang. (Bild: Elsbeth Ammann)

In Einerkolonne dem Hegibach entlang. (Bild: Elsbeth Ammann)

Es ist Samstagabend kurz vor halb acht und die Sonne brennt immer noch heiss vom Himmel. Vor dem Kulturforum warten gut zwei Dutzend Menschen auf den Abmarsch zur Vollmondwanderung. Eine Gruppe ist schon unterwegs, ich schliesse mich der zweiten an, die von Jack Brüschweiler in gelber Leuchtweste angeführt wird. Wir sind ein bunter Haufen, ältere und jüngere Frauen und Männer, zwei Kinder und angeleint bei Herrchen ein schwarzer Labrador.

Hemmerswiler Vergangenheit

Bei den Schrebergärten in Hemmerswil machen wir den ersten Halt. «Hier ist bei einer Militärübung die erste Fotografie Amriswils entstanden», erklärt Brüschweiler. Dann erzählt er uns die Geschichte der Amriswiler Buben, die 1939 das Schiff der Landesausstellung nachgebaut und damit den Hegibach befahren haben. Die Verantwortlichen der Landi fanden das so toll, dass sie die Buben zur Ausstellung nach Zürich einluden.

Interessant auch, dass ein Teil der heutigen Schrebergärten dort steht, wo früher die Mülldeponie war. Neugierig werfe ich beim Vorbeigehen einen Blick auf die Beete. Salate, Fenchel und Kohlrabi gedeihen prächtig – ob das wohl an der besonderen Bodenbeschaffenheit liegt?

Weiter geht es nach Buhrüti, dann den Hegibach entlang wieder zurück, über die Hauptstrasse und hoch zum Schmittenholz, wo der Friedwald liegt.

Wir erfahren alles Wissenswerte über diese alternative Bestattungsform und nehmen neuen Gesprächsstoff mit auf den Weg. «Knapp 5000 Franken für einen Baum finde ich recht teuer», sagt eine Frau neben mir. «Ja, aber wenn man bedenkt, dass der Bestattungsplatz auch für mehreren Familienangehörigen gedacht ist, dann relativiert sich das», werfe ich ein.

Da lacht sie laut auf: «Also ehrlich gesagt, neben jedem meiner Verwandtschaft möchte ich auch als Asche nicht ewig liegen!»

Rundblick von der Egg

Die Brombeerstauden und Brennnesseln, die den schmalen Weg quer durch den Wald säumen, wurden von den Helfern des Verkehrsvereins vorsorglich zurückgeschnitten. Ohne Kratzer kommen wir am Waldrand an, wo Imkerin Vreni Hausammann uns erwartet.

Wir erfrischen uns mit einem Becher Mineralwasser und lauschen ihren Ausführungen, die ab und zu vom lauten Geschlabber unseres vierbeinigen Mitwanderers begleitet werden, der seinen Anteil an kühlem Nass ebenfalls bekommen hat. Durch das sanft gewellte Kulturland, entstanden durch Hochäcker, geht es weiter zur Egg. Langsam wird es dunkel und kühler, ich ziehe meine Jacke an. Auf der Egg sichten wir dann auch endlich den Hauptgast an diesem Abend.

Wie ein grosser dunkelrot glühender Ball thront der Vollmond über dem Horizont und wird dann, je höher er steigt, erst gelblich und dann strahlend weiss. Nach einem Besuch mit Degustation in der Mosterei Bär wandern wir weiter am Hellmühleweiher vorbei Richtung Zentrum.

Abstecher durch Friedhof

Als einzige Gruppe machen wir noch einen Abstecher durch den nächtlichen Friedhof, weil uns Jack Brüschweiler noch eine weitere Amriswiler Besonderheit, das ehemalige Sezierhäuschen, zeigen will.

Gegen elf Uhr trifft unsere Gruppe beim Kulturforum ein. Wie die meisten geniesse ich vor dem Heimweg noch eine stärkende Suppe.

Hannelore Bruderer