WÄLDI: Die Zirkuswirte treten ab

Hannelore und Rudi Bauer hatten zwei Leidenschaften: zuerst die Luftakrobatik und später das Wirten. Nun schliessen die beiden ehemaligen Artisten nach 26 Jahren ihr geliebtes Restaurant Sägi in Lipperswil.

Annina Flaig
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Hannelore und Rudi Bauer in der Gaststube ihres stattlichen Wirtshauses. (Bild: Reto Martin)

Hannelore und Rudi Bauer in der Gaststube ihres stattlichen Wirtshauses. (Bild: Reto Martin)

Annina Flaig

annina.flaig@thurgauerzeitung.ch

An der Fassade baumelt ein kleiner Weihnachtsmann aus Plastik. Könnte er in das alte Haus hineinklettern, würde er wohl angeknurrt. Von Spocky. Der Jack-Russel-Mischling akzeptiert nicht jeden in der Gaststube. Doch wenn die Wirtin einen freundlich empfängt, akzeptiert er sogar Journalisten. «Ja, wir hören auf», beginnt Hannelore Bauer das Gespräch über die Schliessung des Restaurants Sägi. Der kurze Satz geht ihr nur schwer über die Lippen. Zusammen mit ihrem Mann Rudi betreibt sie die Wirtschaft seit 26 Jahren.

Ein Akrobat in knappen Hosen

«Jede Ära geht einmal zu Ende», sagt er. Rudi Bauer stammt aus der Zirkusdynastie Bauer, bei der Zirkuswagen noch von Pferden gezogen wurden. Der 77-Jährige deutet auf ein gerahmtes Foto an der Wand. Es zeigt einen muskulösen Akrobaten in knappen Gymnastikhosen. «Rudi» hat jemand von Hand darauf gekritzelt. Das Bild erinnert an die Ära vor dem Wirteleben, als die beiden als Zirkusartisten durch die Welt getingelt waren. Sie war Seiltänzerin, er Luftakrobat, als sie sich 1960 in Basel begegneten. «Er gehörte zu den Wildesten», erinnert sich die 76-Jährige. Ihre fein geschminkten Augen leuchten, wenn sie vom Zirkusleben erzählt. Er schmunzelt: «Ich habe früher halt gerne Saltos über Pferde und Elefanten gemacht.»

Zuletzt war er als Clown mit seinem Cousin Conny Gasser unterwegs. Als dieser das Connyland gründete, wurde auch das Artistenehepaar sesshaft. In unmittelbarer Nähe zum Freizeitpark haben sie 1991 das Restaurant übernommen und durch ihre Vergangenheit geprägt. So haben beispielsweise an den Sägi-Festen hin und wieder Artisten für prickelnde Unterhaltung gesorgt.

Wirtin mischt die Kapern unbemerkt ins Menü

Gekocht hat sie selbst, ohne Kochausbildung, wie sie betont. Ihre Spezialität: Hackfleischbällchen an Kapern-Rahmsauce. Das Problem: «Einfache Leute bevorzugen Hausmannskost – ohne Kapern», weiss sie aus Erfahrung. Deshalb hat sie immer nur von «Rahmsauce» gesprochen. «Die Kapern habe ich meinen Gästen in pürierter Form untergejubelt.» Denn Kapern gehörten nun einmal zu diesem polnischen Gericht, sagt die gebürtige Ostberlinerin mit polnischen Wurzeln. Unterstützt wurden die beiden durch eine ihrer Töchter, eine ihrer Enkelinnen und zwei Teilzeitangestellte.

Auf dem Tresen stehen je eine offene Flasche Kalterer und Merlot bereit für ein Zweierli im Römerglas. Dieser wird von den Mitgliedern des Männerchors Hefenhausen gerne bestellt, wenn sie hier den Abend ausklingen lassen. «Ich fand es schön, wenn es auch spät abends noch rumorte», sagt die Beizerin. Da sie nach einem Schlaganfall körperlich angeschlagen ist, haben die beiden schweren Herzens entschieden aufzuhören. Anders als andere Pensionierte schmieden sie keine Reisepläne. «Wir haben die Welt gesehen.» Das Restaurant werden sie nicht verpachten, da es mit ihrer Wohnung zusammenhängt. Viel mehr spielen sie mit dem Gedanken, es hin und wieder doch noch zu öffnen – auf Anfrage für geschlossene Gesellschaften. Damit es in der «Sägi» auch in Zukunft ab und zu noch etwas rumort.

Hinweis

Am 23. 12 ist Austrinkete. Am 31.12 öffnet die «Sägi» noch einmal. Es gibt ein viergängiges Silvestermenü. Reservationen: 052 763 14 95.