Vorteile für den motorisierten Verkehr

Verbindet oder trennt eine Unterführung? Diese Frage ist nicht neu und die Meinungen gehen auch in Amriswil weit auseinander. Auf der einen Seite sind die Autofahrerinnen und Autofahrer.

Roger Häni
Drucken
Teilen

Verbindet oder trennt eine Unterführung? Diese Frage ist nicht neu und die Meinungen gehen auch in Amriswil weit auseinander. Auf der einen Seite sind die Autofahrerinnen und Autofahrer. Sie ärgern sich seit Jahren über die Wartezeiten vor der geschlossenen Bahnschranke auf der Bahnhofstrasse, welche in naher Vergangenheit nicht kürzer geworden sind. Wenn es eilt – und das tut es heutzutage fast immer –, scheint das Warten auf den Zug besonders lange zu dauern. Und aus Erfahrung wissen Autolenker: Ist der Zug endlich vorbei, sollte nicht voreilig der Motor sofort wieder angelassen werden. Es könnte ja noch ein zweiter kommen.

Auf der anderen Seite ist der Langsamverkehr. Fussgänger und Velofahrer, die von der Bahnhofstrasse auf die Untere Bahnhofstrasse (oder umgekehrt) wollen, müssen ebenfalls vor der geschlossenen Barriere warten. Manche mögen dies als gute Gelegenheit für einen unverhofften Schwatz mit dem ebenfalls wartenden Bekannten sehen, andere jedoch würden gerne auf das Warten (oder das Gespräch mit dem alten Schulkollegen) verzichten. Auch Fussgänger und Velofahrer haben es manchmal eilig. Ob für sie eine Unterquerung der Bahn die richtige Lösung ist? Gegner der Abstimmungsvorlage argumentieren unter anderem mit dem Aspekt Sicherheit. Tatsächlich löst ein nächtlicher Gang durch eine dunkle «Höhle» ein mulmiges Gefühl aus. Ebenso nachvollziehbar sind die Bedenken körperlich eingeschränkter Menschen, was das Gefälle (beziehungsweise die Steigung) der geplanten Rampen oder die Begehung der vorgesehenen Treppen anbelangt. Und schliesslich – das ist ein Fakt – ist eine Unterführung ein massiver Einschnitt ins Ortsbild, der gut überlegt sein will.

Zweifellos bringt eine Unterführung Bahnhofstrasse vor allem Vorteile für den motorisierten Verkehr. Im Vorfeld der Abstimmung haben deshalb fast ausschliesslich Velofahrer und Fussgänger die Vorlage bekämpft. Von geschlossenem Widerstand dieser Gruppierung kann jedoch nicht gesprochen werden. Ob ein Teil des Langsamverkehrs ausreicht, um der starken Autofahrer-Fraktion standzuhalten?

Die Initianten einer zweiten Bahnunterführung im Amriswiler Zentrum reichten vor viereinhalb Jahren stattliche 877 gültige Unterschriften ein. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass der Stadtrat das gleiche Ziel verfolgt, zogen sie die Initiative nach einigen Monaten wieder zurück. Der Einsatz des Amriswiler Stadtrats beim Kanton und das nach eingehender Prüfung zahlreicher Varianten nun vorliegende Projekt einer PW-Unterführung wird von den Initianten gelobt. Allerdings – und auch das sei festgehalten – werden am 30. November niemals alle Mitunterzeichnenden zur Urne gehen. Deutlich gezeigt hat sich dies bei der Abstimmung über die Initiative Majorz- statt Proporzwahl des Stadtrats Ende September. Zwar waren die Ja-Stimmer mit 655 zu 505 in der Überzahl, doch hätten die 905 eingereichten Unterschriften für das Majorzsystem einen deutlicheren Abstimmungsausgang erwarten lassen. Hinzu kommt, dass eine Änderung des Wahlverfahrens des Stadtrats quasi gratis ist, für die Unterführung Bahnhofstrasse in Kombination mit der Spange Hölzli jedoch um einen Millionen-Kredit gebeten wird.

A propos Spange Hölzli: Über diese wird ja auch abgestimmt. Sie ist als Umfahrungsstrasse für den Lastwagenverkehr und als Erschliessungsstrasse gedacht und weniger umstritten als die Unterführung. Die Verknüpfung beider Projekte zu einem Gesamtpaket macht Sinn. Die Spange Hölzli (teils auf dem Gebiet der Gemeinde Hefenhofen gelegen – auch sie muss noch grünes Licht geben) könnte während der Bauzeit der Personenwagen-Unterführung für den gesamten motorisierten Verkehr als Umfahrung genutzt werden. Sie soll künftig den Schleichverkehr durch Quartiere minimieren und vor allem den Schwerverkehr von ihnen fernhalten.

Die Baukosten für das Gesamtpaket Unterführung Bahnhofstrasse/Spange Hölzli werden auf 11,2 Millionen Franken geschätzt. Die Kostenbeteiligung der Stadt Amriswil läge bei 5,05 Millionen. Mehr als die Hälfte würde der Kanton, ein kleiner Teil die Gemeinde Hefenhofen finanzieren. Dieses «grosszügige Angebot aus Frauenfeld» komme so schnell nicht wieder, sind jene überzeugt, die sich für die Vorlage stark machen.

Dass die Amriswilerinnen und Amriswiler das Angebot annehmen, scheint zwar wahrscheinlich, doch ist in der Detailplanung, welche der Kanton als Bauherr bei einem Ja aus Amriswil und Hefenhofen, in Angriff nehmen würde, auch den Bedenken der Skeptiker Rechnung zu tragen. Die Bahnunterführung soll nicht nur die Nerven gestresster Autolenker beruhigen. Sie muss zur Tages- und Nachtzeit für Fussgänger und Velofahrer (Stichwort Radstreifen) sicher, auch für körperlich eingeschränkte Menschen benutzbar und dem Ortsbild angepasst sein. Die Unterführung käme an einer derart zentralen Stelle in Amriswil zu liegen, dass der Optik grosse Beachtung zu schenken ist. Damit der vielfach geäusserte Wunsch nach einer Verbindung von «Unterdorf» und «Oberdorf» tatsächlich in Erfüllung geht und die Stadtteile optisch nicht noch mehr getrennt werden.

Aktuelle Nachrichten