Von Romanshorn nach Indien

ROMANSHORN. Der ehemalige Romanshorner Kantonsschullehrer Werner Nater arbeitet heute in buddhistischen Klöstern in Südindien. Er bringt dort als Physiklehrer Mönchen und Nonnen die westliche Denkweise näher.

Sabine Tschudi
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Glauben trifft Physik: Buddhistische Mönche bei einem Experiment. (Bilder: pd)

Glauben trifft Physik: Buddhistische Mönche bei einem Experiment. (Bilder: pd)

Eine entscheidende Wende im Leben von Werner Nater ist die Umrundung des Kailash – ein heiliger Berg im Tibet. Die Reise schenkt er sich zum 60. Geburtstag. Hier vertieft sich sein Zugang zum Buddhismus. Und hier beginnt er zu zweifeln, ob er an den Kantonsschulen Romanshorn und Wattwil noch am richtigen Ort ist, wo er seit dem Jahr 2000 Physik unterrichtet.

2009 schnuppert Nater für fünf Wochen an einem Entwicklungsprojekt in Tansania. Aber mit dem christlichen Überbau und dem überlieferten Gedankengut tut er sich schwer. Ein Jahr später schaut sich Nater ein Schulprojekt in einem buddhistischen Kloster in Südindien an – und ist begeistert.

Bei Nonnen und Mönchen

Im Sommer 2011 beendet Werner Nater seine Laufbahn als Kantilehrer und fängt im August als Lehrer für Physik in buddhistischen Ausbildungsklöstern in Südindien an. Seit letztem Jahr leitet er das Projekt Science meets Dharma, das vom Tibet-Institut in Rikon (ZH) getragen wird und seit 2001 läuft. Ziel der Initiative ist, die westlich-naturwissenschaftliche Denkweise den Nonnen und Mönchen als Ergänzung zur buddhistischen Denkweise näherzubringen.

Hier habe er sehr viel über Debattierkunst und die Freiheit oder Unfreiheit des Denkens gelernt, sagt Nater. Er schätze sich sehr glücklich, an diesem wichtigen Prozess teilhaben zu dürfen. «Ich freue mich auf den Moment, wo auch die buddhistische Denkweise als Ergänzung in unserem Unterricht Einzug hält.»

Der Weg nach Indien war weit und verschlungen. Er beginnt bereits bei der Ausbildung. «Eigentlich wäre Architektur das Gebiet meiner Wahl gewesen», erzählt Werner Nater, der in Güttingen aufgewachsen ist. Aber sein Vater war Naturwissenschaftler und hatte etwas dagegen.

Frühe Zweifel

«Da ich offenbar keine grosse Anlage zum Revoluzzer hatte, fügte ich mich und studierte Physik», sagt Nater. Im letzten Ausbildungsjahr an der ETH entschliesst er sich, gleich den Fähigkeitsausweis für das höhere Lehramt zu machen. 1979 doktoriert Nater am Institut für Atmosphärenphysik mit einer Arbeit über den Föhn. Bis 1983 arbeitet er als Dozent in Winterthur. «Aber schon in dieser Zeit vermisste ich einen tieferen Sinn in meiner Arbeit, vielleicht den zwischenmenschlichen Aspekt», erinnert sich Werner Nater. So meldet er sich kurzentschlossen für einen humanitären Einsatz in Pakistan, bei dem er afghanische Flüchtlinge betreut.

«Dieser Einsatz in einer völlig fremden Kultur hat mich begeistert.» 1983 schliesst er ein Nachdiplomstudium für Entwicklungshilfe ab und geht für drei Monate nach Peru. In Cuzco hilft er als Praktikant beim Aufbau dörflicher Trinkwasserversorgungen. Ab 1984 arbeitet er am Paul Scherrer Institut in Würenlingen. Hier leitet er eine Gruppe, die Daten über Luftverschmutzung und die entstehenden Waldschäden erhebt. Parallel dazu entwickelt er ein eigenes Forschungsprojekt für Luftschadstoffmessungen.

Entwicklungsarbeit in Nepal

1987 folgt Nater einer Einladung von Helvetas für einen dreijährigen Einsatz in Nepal. Hier ist er als Projektleiter für die Entwicklung von Wasser-, Forst-, Land- und Viehwirtschaft tätig. Der Revolutionsausbruch 1990 setzt dem Projekt ein vorzeitiges Ende. Als ob dieser Ausbruch auch ihn persönlich erwischt hätte, werden innere Sinnfragen immer lauter. «Mir war es schlicht unmöglich, nach all dem Erlebten so mir nichts dir nichts wieder im akademischen Berufsalltag Fuss zu fassen», sagt Nater.

Er nimmt sich ein Time-out. Für ein Jahr verlässt er seine Frau und seine beiden Söhne. In den USA am Tamalpa-Institut bildet er sich weiter zum Tanzpädagogen für Lebenskunst und lässt sich tief in die innere Prozessarbeit ein. Als er zurückkommt, ist für ihn klar, dass er der Familienarbeit mehr Zeit einräumen will. Von jetzt an arbeitet er nur noch Teilzeit. Bis 1996 ist Nater wieder am Paul Scherrer Institut. Diesmal geht es um die Risikoabschätzung der Bannwälder im Urner Reusstal. 1996 zieht er sich als Berufsmann zurück und wird Hausmann.

Ausbildung in Körperarbeit

Doch schon nach kurzer Zeit wird Nater unruhig und beginnt eine Ausbildung für aquatische Körperarbeit. Daneben übernimmt er ein Teilzeitpensum für Physik an der alpinen Mittelschule in Davos. Seit seinem Aufenthalt in den USA ist ihm der Ausgleich von Intuition und Intellekt sehr wichtig. Die buddhistischen Praktiken, die er in Nepal sehen konnte, haben sich mit Inhalt gefüllt. Selbstreflexion und Achtsamkeit werden selbstverständlich. «Leider hat die Beziehung diesen Wandel nicht verkraftet», sagt Nater.

2000 zieht er zurück an den Bodensee ins Ferienhaus seiner Familie. Er unterrichtet Physik und therapiert daneben Patienten mit Wasser Shiatsu an der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen.

Werner Nater mit dem Projektleiter in Indien.

Werner Nater mit dem Projektleiter in Indien.