Von der Übung zum Ernstfall

Sirenen heulen an diesem Montagabend. Zuerst vom Feuerwehrdepot Richtung Städtli – später wird die durchdringende akustische Welle, wie auf dem See plötzlich der Wind dreht, in die Gegenrichtung nach Stachen getragen. Dabei hat es eigentlich ganz normal angefangen.

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Zuerst im Städtli im Übungs-, dann im Ernstfalleinsatz, der sich als Bagatelle herausstellte: Die Stützpunktfeuerwehr Arbon war am Montagabend gleich an zwei Fronten tätig. (Bild: Max Eichenberger)

Zuerst im Städtli im Übungs-, dann im Ernstfalleinsatz, der sich als Bagatelle herausstellte: Die Stützpunktfeuerwehr Arbon war am Montagabend gleich an zwei Fronten tätig. (Bild: Max Eichenberger)

Sirenen heulen an diesem Montagabend. Zuerst vom Feuerwehrdepot Richtung Städtli – später wird die durchdringende akustische Welle, wie auf dem See plötzlich der Wind dreht, in die Gegenrichtung nach Stachen getragen. Dabei hat es eigentlich ganz normal angefangen.

Mit Mann und Maus

Unter Kommandant Hans Schuhwerk gehört es nämlich zur Regel, dass die Arboner Stützpunktfeuerwehr in der letzten Woche vor dem Sommerferienbeginn zu einer Gesamtübung aufgeboten wird – Mann und Maus.

Gegen 90 Feuerwehrleute zwängen sich an diesem schwülwarmen Sommerabend in die schweren und dicken Uniformen. Ohne Feuer im Angesicht rinnen schon die Schweissperlen die Stirn herunter.

Disco-Rauch im «ZiK»

Die Aufgabe ist knifflig. Noch ist der Feierabendverkehr nicht verebbt, als im «ZiK», im ehemaligen Saurer Werk 1 im Städtli, Rauch aus dem Gebäude quillt.

Erzeugt worden ist er von zwei Disco-Rauchmaschinen, eine aus dem eigenen Bestand, eine zweite ausgelehnt, um für die Rettungen die Rauchentwicklung so realistisch wie möglich zu simulieren.

Noch ein Gaffer-Unfall

Raphael Heer, Ausbildungschef und Vizekommandant, hat das Übungsszenario mit Brandausbruch im «ZiK» ausgeheckt, dort, wo früher die Saurer-Verwaltungsbüros waren.

Die verwinkelten Gassen in der Altstadt bieten schon eine logistische Herausforderung, um mit den Fahrzeugen heranzukommen. Und mit einem inszenierten Gaffer-Unfall auf der Hauptstrasse kommt noch eine weitere Erschwernis hinzu. «Das kommt hin und wieder vor», bemerkt Kommandant Hans Schuhwerk. «Und wir wollten natürlich auch die ganze Truppe beschäftigen.»

Mit neuem Grosslüfter

Rauch qualmt, Schaulustige finden sich ein. «In Einsatz bringen wollten wir auch den Grosslüfter, der eine Leistung von 200 000 Kubikmeter pro Stunde hat», schildert Schuhwerk. «Diese im letzten Jahr getätigte Anschaffung ermöglicht uns, einen Brand effizienter zu bekämpfen und allenfalls Menschenleben zu retten.» Denn gefährliche Rauchgase seien ein grosses Problem. «Mit dem Grosslüfter bekommen wir sie schneller raus.»

Weg vom Drehbuch

Doch Heers Drehbuch kann nicht fertig durchgespielt werden. Als eben Einsatzleiter Michael Frieden seine Befehle herausgegeben hat und die Männer daran gehen, die Schläuche abzurollen, piepst es auf den Pagern. Bei der Einsatzzentrale der Kantonspolizei in Frauenfeld ist soeben ein Brandalarm eingegangen – Rauchentwicklung in einem Mehrfamilienhaus an der äusseren Brühlstrasse.

Quer durch die Stadt

«In einer Siedlung mit so vielen Wohnungen wird das sofort als <Brand gross> eingestuft», sagt Schuhwerk. Das heisst: Da wird die gesamte Feuerwehr aufgeboten. Die ist schon einsatzbereit vereint. Nur vor dem falschen Objekt. Umgehend wird die Übung abgebrochen – und es ergehen neue Befehle. Der ganze Tross verschiebt sich nach Arbon West – in einer nicht enden wollenden Karawane mit Blaulicht und Sirenengeheul.

Noch nie so rasch vor Ort

«Dieser Fall ist einmalig: dass wir mitten aus einer Übung heraus ernstfallmässig ausrücken mussten», wird Schuhwerk später berichten. Es habe schon ein paar ungläubige Reaktionen gegeben. Bald aber hätten es alle kapiert: Das ist keine Übungsschikane – das ist ernst! «Wenn der echte Alarm in einer sogenannten Chaosphase losgegangen wäre, wo viel Material im Einsatz gestanden hätte, wäre das nicht unbedingt günstig gewesen.» Doch das wenige, das abgeladen ist, lässt man liegen.

«Wir konnten sofort einsatzbereit verschieben – eigentlich ein Glücksfall!» So schnell sei man kaum je zuvor praktisch vollzählig und mit der gesamten Fahrzeugflotte auf einem Brandplatz erschienen.

Schall und Rauch

Allerdings: das «Brandobjekt», der Wohnblock Brühlstrasse 101, hätte ein solches Grossaufgebot nicht erfordert. Wie sich rasch herausstellt, gibt es nicht viel zu löschen. Auf einem Balkon hat es neben einem Sack gemodert. Etwas Rauch ist in die Wohnung gedrungen.

Schuhwerk: «Wir konnten rasch Entwarnung geben.» Nach einer Viertelstunde wird der Einsatz beendet.

Aufgescheuchte Bewohner und Schaulustige wundern sich, genervt da, belustigt hier, über ein solches Grossaufgebot für so wenig Rauch. Hans Schuhwerk versammelt seine Leute, erklärt, die Angriffsübung im «Zik» werde nun nicht mehr fortgesetzt, und entlässt sie früher zum Feierabendbier. Einige braucht er aber noch, um im «ZiK» die künstliche Rauchproduktion abzustellen.

Max Eichenberger

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