Vom Mönchspfad zum Boulevard

KREUZLINGEN. Heute und morgen weiht die Stadt ihren neuen Mittelpunkt ein. Der Rheingletscher formte einst seine Unterlage. Als Fussweg durch Rebgebiet verband er später die Klöster der Region. Für die aktuelle Gestaltung hat es zwei politische Anläufe gebraucht.

Brigitta Hochuli
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Gemüsegarten statt Einkaufszentrum: Hauptstrasse vor dem Jahr 1916 vom heutigen Löwenkreisel aus gesehen. (Bilder: Sammlungen Hans Weltin und Martin Senn (Postkarten), betreut von Thomas Brütsch)

Gemüsegarten statt Einkaufszentrum: Hauptstrasse vor dem Jahr 1916 vom heutigen Löwenkreisel aus gesehen. (Bilder: Sammlungen Hans Weltin und Martin Senn (Postkarten), betreut von Thomas Brütsch)

Die Hauptstrasse oder neuerdings der Boulevard könne sich rühmen, eine sehr weit zurückliegende Vergangenheit zu besitzen, meint Georg Strasser, der nicht nur Postkarten sammelt, sondern auch die Geschichte Kreuzlingens erforscht.

Seit je verlaufe die bedeutend-ste Strasse der Stadt auf einem abgeflachten Moränenkamm, den einst der Rheingletscher geformt habe. Später, im Mittelalter, benutzten sie Mönche als Teilstrecke zwischen den Klöstern von der Reichenau bis St. Gallen.

Einst ein Rebbaugebiet

Die Kreuzlinger Hauptstrasse war bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein schmaler Fuss- und Karrenweg, eine Art Hohlweg inmitten von beidseitigem Rebgelände und Sandgruben, wie Strasser schreibt. Nach und nach waren im darauffolgenden 19. Jahrhundert entlang der Hauptstrasse auch die Klostergrundstücke verkauft und zur Überbauung freigegeben worden. Schon damals habe man auf grössere Abstände der Neubauten und eine zurückgesetzte Häuserflucht geachtet. So gab es Platz für die Vorgärten, die Kreuzlingen den bis heute gebräuchlichen Namen «Gartenstadt» gaben.

Projekt Trambetrieb

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Strässchen dann zu einer lebhaften Geschäftsstrasse. Zeuge aus dieser Zeit ist das Gebäude der Credit Suisse (1904). Im heutigen Stadthaus waren von 1892 bis 1931 der Telefon- und Telegraphenbetrieb und das Postbureau untergebracht. Es bahnten sich die ersten Motorfahrzeuge den Weg auf dem festgefahrenen Naturbelag.

Projekte rund um die Hauptstrasse gab es in Kreuzlingen schon vor über 100 Jahren. «Allerlei Grosses ging damals durch die Gedanken einiger Zukunftsgläubiger», schreibt der Chronist. Sie wollten ein Tram. Sogar die Betriebskommission hatte sich schon formiert. Widerstand aus Konstanz und später der Erste Weltkrieg begruben die Pläne für immer. Mehr Glück hatte zuvor der Männerverein Egelshofen gehabt. Er setzte ein Trottoir auf die Traktandenliste. Zusammen mit einer Strassenkorrektur wurde es 1872 dann auch realisiert.

Die Kreuzlinger Gartenstadt wurde 1956 zur Legende. Die Vorgärten mussten der Strassenverbreiterung weichen. Jetzt wurde der einstige Mönchspfad zu jener befahrenen Strasse, die mit dem heute einzuweihenden Boulevard zu einem Begegnungsort werden soll. Ganz glatt ging der politische Prozess aber nicht über die Bühne. Ein erster Versuch zur Modernisierung der Hauptstrasse scheiterte trotz enormen Einsatzes aller Beteiligten im Jahr 2001. Damals wurde die Neugestaltung mit 1724 Nein- zu 1048 Ja-Stimmen abgelehnt. Für 3,9 Millionen Franken hätte schon damals ein verkehrsberuhigtes «pulsierendes Zentrum» entstehen sollen. Unter anderem waren zwei Fahrspuren, getrennt durch einen Mittelstreifen mit Beleuchtungskandelabern geplant.

Hinein ins Wohnzimmer

«Kreuzlingen baut einen Boulevard», titelte dann am 18. Mai 2009 die Thurgauer Zeitung. Dieses Mal wurde der Kredit von 3,8 Millionen Franken mit 60 Prozent Ja-Stimmen deutlich angenommen. «Ein Vertrauensbeweis für die Arbeit der Exekutive», interpretierte Stadtammann Andreas Netzle das Resultat.

Nun führt die neue Strasse sinnbildlich zurück zur Moräne des Rheingletschers. «Vier Trinkbrunnen der technischen Betriebe bezeichnen den Weg des Wassers von den Rheinquellen bis hin an die Rheinmündung», schreibt Bernhard Roth im Namen des Planerteams. Zusammen mit dem 2009 fertiggestellten Stadtbahnhof bilde der Boulevard ein entscheidendes Glied in der Neukonzeption der Stadt. Sitzbankgruppen mit Pflanzbehältern lüden zum Kommunizieren ein. «Hier wird die Hauptstrasse zum Wohnzimmer von Kreuzlingen.»

Auf www.kreuzlingen.ch gelangt man unter «boulevard» zum Programm des Einweihungsfestes.

Ein Schwatz vor der «Grünau» in Ehren: Aufnahme vor 1956.

Ein Schwatz vor der «Grünau» in Ehren: Aufnahme vor 1956.

Müller lädt ins Strassencafé: Aufnahme ca. 1910 bis 1920.

Müller lädt ins Strassencafé: Aufnahme ca. 1910 bis 1920.

Letztmals umgebaut wurde 1956. Rechts das sogenannte Zentralhaus.

Letztmals umgebaut wurde 1956. Rechts das sogenannte Zentralhaus.

Marta Sauter-Eigenmann (88) (Bild: cas)

Marta Sauter-Eigenmann (88) (Bild: cas)

Gilda Oswald-Müller (96) (Bild: ho)

Gilda Oswald-Müller (96) (Bild: ho)

Rosmarie Bitsche (84) (Bild: cmi)

Rosmarie Bitsche (84) (Bild: cmi)

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