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Verfolgungsjagd auf der Titanic

ARBON. An Bord der vor hundert Jahren gesunkenen «Titanic» jagten zwei hochkarätige Banker den Arboner Industriellen Arnold B. Heine. Er wollte sich vor der drohenden Pleite in die USA absetzen. Die Jäger überlebten und wurden von der «Carpathia» aufgefischt, auf der sich der Flüchtige befand.
Hans Geisser
Das Imperium des Stickereibarons Arnold Baruch Heine (Bildmitte). Auf den rasanten Aufstieg folgte der ebenso schnelle Niedergang. (Bild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Das Imperium des Stickereibarons Arnold Baruch Heine (Bildmitte). Auf den rasanten Aufstieg folgte der ebenso schnelle Niedergang. (Bild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Das ist eine der vielen Geschichten, die Teil des Dramas um den Untergang des damals grössten und schnellsten Luxusdampfers waren. Der flüchtige Arboner Stickereibaron Heine war Passagier auf der «Carpathia», die mit Vorsprung vor der «Titanic» in Southampton ablegte. Ausgerechnet auf der «Carpathia», die als erstes Schiff bei der Unglücksstelle war und Überlebende aufgenommen hatte, fiel Heine seinen Verfolgern in die Arme. Ein schicksalsträchtiger Zufall. Den Bankern war allerdings wichtiger, überlebt zu haben.

711 haben überlebt

Am 15. April 1912, um 2.20 Uhr, zwei Stunden nach der Kollision mit einem Eisberg, versinkt der britische Passagierdampfer in den Fluten des Nordatlantiks. Das Unglück fordert 1511 Opfer. 711 Überlebende finden Zuflucht auf der herbeigeeilten «Carpathia». Die Erinnerung an die verhängnisvolle Jungfernfahrt des als unsinkbar gepriesenen Luxusdampfers bleibt bis heute wach. Viele Geschichten, auch Legenden, umranken das tragische Ereignis.

Ein Imperium geschaffen

Auf Vermittlung von Adolph Saurer, der sich als Bevollmächtigter des Unternehmers Heine in der Bürgergemeinde für den Verkauf von 23 000 Quadratmetern Riedland südlich der St. Gallerstrasse einsetzt, entsteht 1898 in atemberaubend kurzer Zeit die weltweit zweitgrösste Stickereifabrik (Feldmühle Rorschach ist die grösste). Noch im selben Jahr rattern in den neuen Werkhallen die ersten hundert Saurer-Stickmaschinen. Weitere Bauetappen folgen. Heine beschäftigt 2200 Mitarbeiter. Ebenso viele Heimarbeiter in der Region Arbon liefern ihm Teilprodukte.

Der schnelle Niedergang

Heines Unternehmen ist nach amerikanischem Vorbild völlig autark: Eigene Energiezentrale mit Saurer-Petrolmotoren und Dampfmaschinen, Seewasserwerk, Gleisanschluss und Rollbahn im Werkgelände, Saurer- Lastwagen für den Versand, eigene Handwerksbetriebe wie Reparaturwerkstätte, Bauunterhalt, Schlosserei, Spenglerei, Schreinerei, Druckerei. Als einer der ersten Fabrikanten in Arbon baut Heine eine Arbeitersiedlung (Heinehof). Hunderte seiner Stickerinnen, junge Italienerinnen, wohnen in beaufsichtigten Heimen. Für die deutschen Bürodamen baut er eine komfortable Pension. Ein stürmischer Aufschwung kennzeichnet die ersten Jahre, wenn auch hin und wieder begleitet von sozialen Spannungen zwischen Belegschaft und Patron.

Doch der jähe Niedergang folgt auf dem Fuss. Stickereiprodukte sind höchst krisenanfällig, und bereits das Geschäftsjahr 1909/10 weist einen Verlust von 3 Millionen Franken aus. Zudem türmen sich unverkaufte Lager in Millionenhöhe auf. Der Schweizerische Bankverein als Hauptgläubiger des Unternehmens handelt unverzüglich. Dem Patron wird das Präsidium des Verwaltungsrates entzogen, später auch die Geschäftsleitung. Eine Aktionärsgruppe regt gar eine Strafklage an und erwirkt die Blockierung von Heines Privatvermögen.

Flucht bei Nacht und Nebel

Den drohenden Unannehmlichkeiten entgeht er, indem er Anfang April 1912 bei Nacht und Nebel aus Arbon verschwindet, um sich in Southampton nach New York einzuschiffen. Heines Flucht bleibt beim Bankverein nicht unbemerkt. Zwei hochkarätige Gläubigervertreter verfolgen seine Spur mit der «Titanic», die am 10. April in Southampton auf der in den Wintermonaten unüblichen Nordatlantikroute zur Jungfernfahrt nach New York ausläuft: Alfons Simonius, Präsident des Bankvereins, und Max Staehelin, Direktor der Schweizerischen Treuhandgesellschaft. Sie gehören zu den Geretteten, die auf der «Carpathia», die als erster Dampfer am Unglücksort eintrifft, Zuflucht finden.

Spende an Angehörige der Opfer

Als Geste der Dankbarkeit für die Rettung der beiden Herren spendet der Schweizerische Bankverein in England eine namhafte Summe für Angehörige von Opfern der Katastrophe. Simonius schildert später seine Erlebnisse in der «Basler Zeitung». Den Zweck der Amerikareise erwähnt er allerdings nicht. Hingegen berichten Zeitgenossen, dass die beiden – zu ihrer Überraschung – den flüchtigen Heine als Passagier der «Carpathia» bereits auf hoher See erwischt hätten. Aktenkundige Quellen für diesen Teil der Geschichte fehlen allerdings.

Die nun folgende Prüfung der Geschäftsbücher des einst so stolzen Unternehmens in der Filiale New York und in Arbon ergibt keine belastenden Ergebnisse, die eine Strafverfolgung rechtfertigen würden. Auch Heines Privatkonten werden freigegeben.

«Nach seinem unter dramatischen Umständen erfolgten Ausscheiden aus dem Arboner Unternehmen wandte sich Heine wieder nach Amerika, um dann schliesslich als Halbvergessener in seiner Heimatstadt Wiesbaden sein sehr bewegtes Dasein zu beschliessen», ist in der Ausgabe vom 23. Februar 1923 im «Oberthurgauer» nachzulesen.

Die legendäre «Titanic». (Bild: pd)

Die legendäre «Titanic». (Bild: pd)

Arnold Baruch Heine (Bild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Arnold Baruch Heine (Bild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Nahm Verfolger auf: «Carpathia». (Bild: pd)

Nahm Verfolger auf: «Carpathia». (Bild: pd)

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