Unverhoffte Renaissance

Randnotiz

Georg Stelzner
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Sie galt in unseren Breiten als exotische Spezies, die vom Aussterben bedroht ist. Selbst ältere Zeitgenossen mussten ihr Erinnerungsvermögen auf eine harte Probe stellen, um von persönlichen Begegnungen mit dem prähistorisch anmutenden Wesen berichten zu können. Doch in Sulgen ist sie unvermutet wieder aufgetaucht, erstaunlich vital und in grosser Anzahl: die Warteschlange vor einer öffentlichen Telefonzelle – auch diese notabene ein Relikt aus dem vergangenen Jahrtausend.

Zu verdanken war dieses Phänomen dem Flüchtlingsstrom und dem Umstand, dass Sulgen für viele Asylsuchende dieses Jahr eine Zwischenstation darstellte. Das Bedürfnis, Angehörige und Freunde über das eigene Schicksal zu informieren, ist verständlicherweise gross. Doch wie sollte das geschehen, wenn – allen Vorurteilen zum Trotz – kein Handy oder Smartphone zur Verfügung steht? Auf ihren Spaziergängen stiessen die Asylsuchenden fast zwangsläufig einmal auf die gläserne Kabine vor der Post.

Und so kam es zur Wiederkehr der Warteschlange, denn viele Männer wollten im Sulger Dorfzentrum mit Leuten in der Heimat oder Leidensgenossen in Europa Kontakt aufnehmen. Geduldig warteten sie, bis sie an der Reihe waren. Geradezu vorbildlich und bestimmt auch zur Freude der Swisscom.

Georg Stelzner

georg.stelzner

@thurgauerzeitung.ch