«Unsere Parties waren legendär»

TZ-Sommerserie Geschwister: Der Schlagersänger Roger Kuster alias Roger De Win und sein älterer Bruder Andi Kuster aus Amriswil haben ein sehr enges Verhältnis. Roger war früher der frechere von beiden und hat seinem grossen Bruder viele Freiheiten zu verdanken.

Katharina Brenner
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Die Brüder Andi und Roger Kuster stellen ein Foto aus dem Ägyptenurlaub 1993 nach: Das Kabinenpersonal des Schiffs hatte aus den Kissen jeden Tag andere Figuren geformt. (Bild: Reto Martin)

Die Brüder Andi und Roger Kuster stellen ein Foto aus dem Ägyptenurlaub 1993 nach: Das Kabinenpersonal des Schiffs hatte aus den Kissen jeden Tag andere Figuren geformt. (Bild: Reto Martin)

«Dass ich Musiker bin, habe ich dir zu verdanken», sagt Roger Kuster zu seinem Bruder Andi. Roger ist Schlagersänger und bekannt unter dem Namen Roger De Win. Die beiden Brüder sind in Amriswil aufgewachsen, wo Roger auch heute noch lebt. Andi lebt im zürcherischen Volketswil und arbeitet als Controller. Er ist 43, Roger ist zwei Jahre jünger.

Andi: «Genau genommen hast du es der Fehleinschätzung unserer Eltern zu verdanken, dass du heute Musiker bist.»

Die beiden Brüder lachen.

Andi: «Als ich acht oder neun war, habe ich eine elektrische Orgel bekommen. Ich habe schnell aufgehört zu spielen, ich bin einfach unmusikalisch.»

Roger: «Dir haben schon immer eher die Zahlen zugesagt. Du warst immer der Schlauere von uns. Mich hat die Musik begeistert. Ich habe deshalb deine Orgel für mich entdeckt, später dann die Gitarre. Die Orgel habe ich heute noch. Manchmal spiele ich auf ihr, auch wenn der Klang natürlich völlig veraltet ist. Ich hänge an ihr, überhaupt an Erinnerungen.»

Die beiden Brüder haben zum Gespräch ein Fotoalbum mitgebracht: Auf einem Bild stehen sie als Zehnjährige im Fussballtor bei der Familie ihrer Mutter in Hannover, auf einem anderen als Zwanzigjährige ganz lässig vor einem Mercedes.

Andi: «Weisst du, wem das Auto gehört hat?»

Roger: «Nein, keine Ahnung. Aber das war bestimmt meine Idee: <Komm wir stellen uns vor das Auto und posen!>»

Andi: «Du warst schon immer der Mutigere, der Spontanere, aber auch frecher.»

Roger: «Deshalb durfte ich auch vieles damals nur machen, wenn du dabei warst, dir hat man vertraut. Weil du der Vernünftigere warst. Das hat sich allein schon an den Postern an unseren Wänden gezeigt. Was hing bei dir?»

Andi: «Grossformatige Landschaftsaufnahmen.»

Roger: «Siehst du, und bei mir waren die Wände tapeziert mit Rockband-Postern. Aber wir haben auch viel zusammen gefeiert. Wenn die Eltern mal verreist waren, haben wir grosse Parties geschmissen. Das waren insgesamt drei oder vier.»

Andi: «Die waren legendär.»

Roger: «Glaubst du, die Eltern haben das gemerkt?»

Andi: «Einmal hat unser Vater zu mir gesagt: <Ich weiss schon, dass ihr Besuch hattet, so 20 Leute.> In Wirklichkeit waren es fast 80.»

Heute lebt Roger wieder im elterlichen Haus in Amriswil mit seiner Frau und den zwei Söhnen. Er hat es nach dem Tod des Vaters vor einigen Jahren übernommen und renoviert, einiges aber bewusst belassen, wie es früher war.

Andi: «Die Schlafzimmer deiner Söhne, die sind noch wie unsere damals. Mit dem gleichen Boden.»

Roger: «Ja, das stimmt. Oder auch die Werkstatt im Keller. Die hat unser Vater selbst gebaut. Die ist heute noch genau gleich wie damals, komplett eingerichtet mit Werkzeugen und Brettern und Ersatzteilen. Das möchte ich nicht verändern.»

Andi: «Es ist schön, dass wir unser altes Zuhause noch haben.»

Gerne erinnern sich die beiden Brüder an ihre Kindheit und Jugend, vor allem an die gemeinsamen Urlaube - erst mit der Familie, später zu zweit.

Andi: «Wir haben zusammen Interrail durch Europa gemacht. In Amsterdam ging uns das Geld langsam aus. Da hast du deine Gitarre ausgepackt und gesungen.»

Roger: «Ja, stimmt, ich habe die ganzen Klassiker gespielt: <Knockin' on Heaven's Door>, <Blowing in the Wind>.»

Andi: «Das war toll. Da kam genug Geld für die Weiterfahrt zusammen.»

Etwa zweimal im Jahr besucht Andi auch Konzerte von Roger.

Roger: «Und das, obwohl dir Schlager gar nicht so gefällt.»

Andi: «Ich höre lieber rockigere Sachen, aber deine Musik gefällt mir. Wenn ich dich besuche und du mir neue Stücke vorspielst, sind das immer besondere Momente für mich.»

Auch wenn sich die beiden Brüder nicht regelmässig sehen, haben sie ein sehr enges Verhältnis. Andi: «Wir sind zwar verschieden in unserer Art, aber wir haben auf jeden Fall eines gemeinsam: Wir sind beide sehr harmoniebedürftig.»

Roger: «Das stimmt auf jeden Fall. Wir sind beide auch nicht die Typen, die sich in Gesprächen hervorheben müssen oder sich besonders wichtig nehmen. Wenn Veränderungen anstehen, privat, beruflich oder finanziell, rufe ich immer auch Andi an.»

Andi: «Manchmal telefonieren wir zwei Wochen nicht, aber häufig reden wir zwei- oder dreimal in der Woche.»

Wenn sie die Zeit finden, unternehmen die Brüder gerne etwas zusammen mit ihren Familien. Auch bei den Geburtstagen der Kinder sehen sie sich. Andi hat drei Töchter, sechs, neun und elf Jahre alt. Rogers Söhne sind vier und sieben. Die Onkel sind je bei einem Kind Götti.

Roger: «Eine Sache gibt es, die wir nach wie vor nur zu zweit machen. Wir stöbern seit Kinderzeiten gerne in Schallplatten- und Comicläden. Heute sind es eher Schallplatten- und Comicbörsen, weil sich der Markt verändert hat. Teilweise sammeln wir Comics und Schallplatten und tauschen sie aus.»

Das klingt alles sehr harmonisch. Hat es irgendwann auch mal eine Krise gegeben? Die beiden überlegen lange. Andi schüttelt den Kopf. Roger überlegt noch ein bisschen, schaut dann Andi an und schüttelt ebenfalls den Kopf.

Roger: «Wir haben uns früher über das Fernsehprogramm gestritten.»

Andi: «Oh ja, das stimmt.»

Andere Situationen fallen den beiden nicht ein. Es scheint zu stimmen: Die Kuster-Brüder sind sehr harmoniebedürftig.

Die Kuster-Brüder in ihrer Schiffskabine in Ägypten 1993. (Bild: pd)

Die Kuster-Brüder in ihrer Schiffskabine in Ägypten 1993. (Bild: pd)