«Unsere Freundschaft hat Bestand»

Ihre Verbindung hat den Krieg überstanden und personellen Wechseln getrotzt. Da ist die aktuelle Debatte um den Einkaufstourismus kaum der Rede wert. Die Männerchöre Ermatingen und Badenia Reichenau mögen sich seit bald 100 Jahren.

Martina Eggenberger Lenz
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Claus Gunter Biegert, Dirigent des Männerchors Ermatingen, Klaus Paul, ehemaliger Dirigent, Hermann Uricher, ehemaliger Präsident Badenia Reichenau, sowie Werner Kreis, Peter Dransfeld und Ernst Kreis vom Ermatinger Chor stimmen im «Adler» ein Lied an. (Bild: Martina Eggenberger Lenz)

Claus Gunter Biegert, Dirigent des Männerchors Ermatingen, Klaus Paul, ehemaliger Dirigent, Hermann Uricher, ehemaliger Präsident Badenia Reichenau, sowie Werner Kreis, Peter Dransfeld und Ernst Kreis vom Ermatinger Chor stimmen im «Adler» ein Lied an. (Bild: Martina Eggenberger Lenz)

Herr Paul, vor kurzem ist Ermatingen in die Schlagzeilen des «Blicks» geraten, weil die SVP in Allensbach ein Schiff gechartert hat und weil der Konstanzer Jazzer Jürgen Waidele für die Bundesfeier gebucht war. Haben Sie das auf der Reichenau mitbekommen?

Klaus Paul: Ja, wir haben davon gehört. Das ist doch einfach lächerlich. Waidele spielt ja bereits seit vielen Jahren an der 1.-August-Feier. Und das mit der «Alet»: Ich bin überzeugt, dass in unseren Kreisen kein einziger Mensch sagen würde, die Ermatinger dürften kein deutsches Schiff mieten.

Aber der Einkaufstourismus ist ein grosses Thema. Wenn ich heute sage, ich habe auf der Reichenau eine Kiste Gemüse gekauft, muss ich ja fast ein schlechtes Gewissen haben.

Klaus Paul: Ja, aber wissen Sie, es war ja auch schon anders. Auch wir sind oft nach Kreuzlingen in die Migros gefahren, als der Kurs umgekehrt war. Das Pendel schlägt mal so aus, mal so.

Hermann Uricher: Genau. Wir haben jeweils einen schönen Ausflug gemacht. Erst zur Chocolat Bernrain, dann nach Ermatingen zur Drogerie Eberle.

Zur Drogerie? Da gab es doch nähere?

Hermann Uricher: Ja, aber wir haben die Leute dort gekannt. Nach dem Krieg war die Schweiz für uns sowieso das gelobte Land. In der Schweiz gab es alles, bei uns nicht. Wir haben damals Kaffee geschmuggelt, der war der Renner. Nur musste man die Zollkontrolle austricksen. Einmal haben wir bei einem Sängerfest Kaffee gekauft und diesen dann ganz oben an unsere Vereinsfahne gebunden. Der Zöllner hat wohl unsere Taschen kontrolliert, aber die Fahne hat er nicht angeschaut.

Klaus Paul: Die Zollkontrollen waren schon noch streng, auch wenn man mit dem Schiff rüber- fuhr. Nur wenn jeweils der See zugefroren war, dann haben die Beamten die Kontrolle verloren.

Also gehen die ganzen aktuellen Diskussionen spurlos an Ihnen vorbei?

Werner Kreis: Eine meiner Verwandten in Allensbach hat kürzlich reklamiert, sie könne nicht mehr nach Konstanz zum Einkaufen. Die Schweizer seien wie Heuschrecken.

Klaus Paul: Auf der Reichenau hat der Tagestourismus allgemein stark zugenommen, seit wir Weltkulturerbe sind. Vom aktuellen Kurs profitieren die Gemüseproduzenten und die Gastronomie. Aber es ist jetzt nicht so, dass man es nicht mehr aushalten würde.

Peter Dransfeld: Die Ermatinger und die Konstanzer haben an der Fasnacht Sketches über den Einkaufstourismus gemacht. Wir können darüber lachen. Wegen der «Blick»-Geschichte: Es gibt keinen Ermatinger, der Verständnis dafür hatte.

Hermann Uricher: Diese Diskussionen gefährden unsere Freundschaft in keinster Weise.

Wenn man auf der einen Seite wohnt und die ganze Zeit zur anderen rüberschaut, was denkt man da eigentlich über das andere Ufer? Haben Sie Kindheitserinnerungen?

Ernst Kreis: Unsere Familie hat immer drüben Tomatensetzlinge geholt. Und wir haben jeweils im Frühling immer als erstes im Gnadensee gebadet, weil dort das Wasser schneller warm wird als bei uns am Untersee.

Werner Kreis: Wir haben auch das Gemüse auf der Reichenau geholt. Bei uns hat ja jeder irgend eine Gondel. Die Reichenau ist nah, auch emotional. Über den Männerchor habe ich immer mehr Leute kennengelernt. Wenn ich heute auf der Reichenau bin – wir gehen öfters dort in den Ausgang –, dann treffe ich eigentlich immer zufällig jemanden, den ich kenne. Sogar unser Dialekt ist sehr ähnlich.

Peter Dransfeld: Wir pflegen zu den Reichenauern den herzlicheren Kontakt als zu den Chören in den anderen Nachbargemeinden auf der Schweizer Seite.

Hermann Uricher: Das gleiche gilt für uns. Wir haben zu keiner anderen Nachbargemeinde einen so guten Kontakt.

Der Kontakt über den See existiert ja sicher schon ewig, oder?

Hermann Uricher: Die Fischer spielten hier natürlich eine wichtige Rolle. Als ich jung war, gab es auf der Reichenau gegen 40 Fischer und wahrscheinlich ähnlich viele auf Ermatinger Seite. Es gab einen regen Austausch.

Klaus Paul: Und es ist auch erwiesen, dass die Ermatinger uns schon seit Jahrhunderten den Messwein geliefert haben.

Und umgekehrt lieferten die Reichenauer Gemüse?

Hermann Uricher: Nein, Gemüse wurde bei uns erst nach dem Krieg in diesen Massen angebaut. Handel mit Ermatingen war kein Thema. Aber wir fuhren jeweils auf den Markt nach St. Gallen. Die waren ganz verrückt nach unseren Bohnen.

Werner Kreis: Viele Ermatinger haben damals eine Reichenauerin geheiratet.

Hermann Uricher: Es gab wohl einen Frauenüberschuss, kriegsbedingt.

Werner Kreis: Die Ermatinger Männer konnten bluffen. Mit der Schoggi in der Hand auf der Reichenau auftauchen.

Wie weit reicht denn die Freundschaft unter euch Sängern zurück?

Hermann Uricher: Wir wissen, dass es die freundschaftliche Verbindung schon vor dem Krieg gab. Zum 100-Jahr-Jubiläum unseres Chors kamen auch die Ermatinger, das war 1977. Da hiess es, die Freundschaft existiere schon seit 50 Jahren. Während des Kriegs war der Austausch natürlich nicht möglich. In den 50er-Jahren nahmen wir ihn wieder auf. Wir waren sehr glücklich darüber, dass die Ermatinger uns gegenüber trotz des Krieges keine Vorurteile hatten.

Klaus Paul: Wir treffen uns seit Jahren zu regelmässigen Höcks. Die haben fast familiären Charakter, weil wir immer auch unsere Frauen mitnehmen. Zeitweise gab es auch gemeinsame Vereinsreisen. Manche Freundschaften wurden über den Chor hinaus gepflegt. Als ich pensioniert wurde, hat mir zum Beispiel der Ermatinger Posthalter eine Grillstelle für meinen Garten gebaut.

Hermann Uricher: Ja, Klaus, Du warst aber auch ein brillanter Dirigent. Nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich. So eine Verbindung steht und fällt natürlich mit den Personen.

Sie haben sogar ein gemeinsames Lied.

Klaus Paul: Das «Harmonie führt uns zusammen», das haben wir immer gesungen.

Peter Dransfeld: Und ihr singt auch diverse Schweizer Lieder, zum Beispiel «La haut sur la montagne». Ich habe das Reichenauer Gesangsbuch immer dabei.

Diese regelmässigen Treffen, die Sie angesprochen haben, gibt es auch heute noch?

Peter Dransfeld: Ja. Aktuell wollen wir einander die Besonderheiten unserer Gemeinden näherbringen. Die Reichenauer haben uns zum Beispiel die Waldsiedlung gezeigt, wir ihnen den Kehlhof oder das Vinorama. Wisst ihr noch, als wir drüben diese eckligen Gemüseschnäpse degustieren mussten?

Werner Kreis: Und wir besuchen uns gegenseitig jeweils am Reichenauer Weinfest und der Staader Chilbi.

Heute kämpfen die meisten Chöre mit Mitgliederschwund.

Klaus Paul: Ja, das ist ein allgemeiner Trend.

Peter Dransfeld: Das ist bei uns auch nicht anders. Immerhin konnten wir jetzt grad zehn Projektsänger gewinnen. Ich bin mit 27 Jahren in den Chor eingetreten. Ich will ihn nicht missen. Er ist mein Seelendoktor.

Klaus Paul: Der Chor übernimmt eine wichtige soziale Funktion. Ich bin überzeugt, dass sich manch einer den Anwalt sparen konnte, weil er nach der Probe ein Problem bei einem Viertele besprechen konnte.

Früher waren die Chöre mal richtig in.

Hermann Uricher: Ich sage meinen Enkeln immer: Früher musste man in einem Verein sein. Sonst gehörte man nicht dazu.

Klaus Paul: In den 70er-Jahren, als ich beide Chöre dirigierte, herrschte eine Art Aufbruchstimmung im Chorwesen. Wir sangen erstmals auch zeitgenössische geistliche Musik und englische oder russische Lieder. Und wir hatten viele Sänger!

Hermann Uricher: Einmal waren wir 48 Sänger in der Probe. Du hast gesagt, wenn nächstes Mal 50 kommen, zahlst Du ein Fass Bier. Das haben wir dann aber doch nicht geschafft.

Werner Kreis: So sind die Reichenauer – arbeitsam, gläubig und musikalisch!

Es ist offensichtlich, dass Ihnen der grenzüberschreitende Kontakt viel bedeutet.

Klaus Paul: Unsere Freundschaft ist keine Eintagsfliege. Wir haben so viele schöne Stunden zusammen erlebt!

Ernst Kreis: Wir waren immer sehr offen den Reichenauern gegenüber.

Werner Kreis: Wir haben die Reichenauer einfach gern.