Und die im Schatten sieht man doch

Am Samstag war es so weit: Nach über 16 Monaten Bauzeit wurde die neun Millionen Franken teure Bahnunterführung Amriswil offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Vor viel Volk und einer aufgeregten Regierungsrätin.

Christof Lampart
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Mussten zuerst hinter dem Vorhang die Unterführung fertig bauen: Stadtpräsident Martin Salvisberg und Regierungsrätin Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Mussten zuerst hinter dem Vorhang die Unterführung fertig bauen: Stadtpräsident Martin Salvisberg und Regierungsrätin Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Am Samstag war es so weit: Nach über 16 Monaten Bauzeit wurde die neun Millionen Franken teure Bahnunterführung Amriswil offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Vor viel Volk und einer aufgeregten Regierungsrätin.

Öffentliche Auftritte sind für Politiker, was für den Fisch das Wasser: nämlich überlebenswichtig. Denn ohne sie und die damit zuweilen einhergehenden publikumsträchtigen Eröffnungen öffentlicher Bauten hätten es Politiker und Politikerinnen zweifelsohne schwer, ihren gesellschaftlichen Status zu legitimieren. Und zwar immer und überall.

Über den Stau freut man sich

So gesehen verwunderte es nicht, dass sich am Samstag in Amriswil viele Politköpfe wortwörtlich auf dem Tiefpunkt befanden, beziehungsweise einfanden.

Denn die Eröffnung der Bahnunterführung zwischen Ober- und Unterstadt fand nicht vor oder hinter, sondern in der Unterführung statt. Eben an der tiefsten Stelle. Doch das löste bei den vielen anwesenden Gewählten und nicht mehr Gewählten keineswegs Erinnerungen an ein Wahldebakel und somit Depressionen aus, sondern vielmehr eine unglaubliche Arbeitswut.

Denn wie es das Drehbuch vorsah, sollte eine ganze Reihe Prominenter Spaten, Schaufel und Hacke schwingen, um der Unterführung zum finalen Durchbruch zu verhelfen. Denn die Organisatoren hatten aus gegebenem Anlass nicht nur einen historischen Autokorso durch die Oberthurgauer Metropole geplant, sondern auch ein Schattenspiel.

Und so war denn bei der Unterführung ein grosses weisses Tuch gespannt. Dahinter Stadtpräsident Martin Salvisberg, Regierungsrätin Carmen Haag und weitere «Schauspieler». Davor viel Publikum, das sich bis ganz oben zur Einfahrt hin staute. Es dürfte sich dabei um einen der letzten Staus gehandelt haben, über den sich in Amriswil alle freuten.

Mehr Licht als geplant

Derweil gibt es auf der anderen Seite der Bühne die letzten Instruktionen von OK-Chefin Daniela Di Nicola, während Carmen Haag ganz ihren eigenen Gedanken nachhängt: «So ein Feuerreif und wir springen dann alle auf Kommando hindurch, das wäre schon etwas», entfährt es ihr.

So weit kommt es nicht. Und trotzdem ist bei der Live-Vorführung mehr Licht vorhanden als geplant. Denn die Beleuchtung ist dergestalt, dass man nicht – wie vorgesehen – nur die Silhouette der Arbeitenden sieht, sondern ihre echte Gestalt. «Da sieht man sie mal endlich schaffe», meint ein Zuschauer ob des Malheurs in Sachen Kenntlichkeit grinsend zum Kollegen. Dieser hat auch eine nicht ganz ernst gemeinte, trockene Replik parat: «Da kriegt man ja nur schon vom Zuschauen Blasen an den Händen». Und eine daneben stehende Frau ergänzt ungefragt: «Wenn die Arbeiter so schnell gearbeitet hätten, wäre heute nicht einmal die Hälfte fertig.»

Pathetische Worte

Fertig ist nach ein paar Minuten jedoch die Show, welche zu dramatischen Klängen («Also sprach Zarathustra») und pathetischen Worten des Stadtpräsidenten («Unter- und Oberstadt wachsen heute zusammen») und staatstragenden Worten der Regierungsrätin («Für den Kanton als Bauherr war die Bahnunterführung Amriswil ein wichtiges Projekt») reibungslos verläuft.

Ein bisschen Stolz

Danach wird wieder in den zahlreichen kleinen Festbeizen weitergefeiert; ganz unaufgeregt und doch mit einem gewissen Stolz. Wie es sich eben so gehört, wenn nach einer langen Bauzeit gefeiert werden kann, dass die mühsamen Wartezeiten vor der geschlossenen Barriere an der Bahnhofstrasse endgültige Geschichte sind.