Übernachten in der Röhre

Aus der Geschichte ist nicht überliefert, dass es in Arbon je Höhlenbewohner gegeben hat, Pfahlbauer hingegen schon. Doch bald werden die ersten Röhrenbewohner Einzug halten.

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Röhren mit Aussicht: Als Liegestatt werden sie noch mit Bettrost und Nachttischen ausgestattet. Im Hintergrund das Hotel Wunderbar. (Bild: Max Eichenberger)

Röhren mit Aussicht: Als Liegestatt werden sie noch mit Bettrost und Nachttischen ausgestattet. Im Hintergrund das Hotel Wunderbar. (Bild: Max Eichenberger)

Aus der Geschichte ist nicht überliefert, dass es in Arbon je Höhlenbewohner gegeben hat, Pfahlbauer hingegen schon. Doch bald werden die ersten Röhrenbewohner Einzug halten. Sie werden in zehn Tonnen schweren Betonröhren von zwei Metern Durchmesser hausen: als Gäste des Hotels «Wunderbar» am See. Eva Maron und Simone Siegmann bieten Gästen ab Juni diese unkonventionelle Übernachtungsmöglichkeit an.

10-Tonnen-Zimmer

Die beiden bei einem Baugeschäft georderten Röhrenkolosse liegen im Garten der Anfang April neu eröffneten Hotelanlage beim alten Waschplatz – dort, wo früher die «Sambao»-Bar betrieben wurde. Zu den neun Doppelzimmern gesellen sich also demnächst bezugsbereit die Freiluft-Zimmer: Die beiden «Wunderbar»-Teilhaberinnen haben ihnen wie den andern Zimmern («Wiibli», «Spätsommer», «Philosoph», «Blütenstaub») Namen gegeben.

«Traumröhren» nennen sie die vorerst noch ohne Innenausstattung und Beton-nackt daliegenden «Schlafzimmer».

In Linz aufgeschnappt

Vieles, was das Duo Maron/Siegmann kreativ entwickelt hat – vom vorzeitigen Eröffnungshappening als Willensdemonstration, als das Projekt durch einen nicht sie betreffenden Rechtsstreit blockiert war, bis hin zum luftigen Bett zwischen Bäumen als Werbegag –, ist zwar spontan entstanden. «Nicht aber die Idee mit den <Traumröhren>», räumt Eva Maron ein.

Sie ist auch keine Abwandlung des Konzepts Null-Stern-Hotel (Zivilschutzbunker) der Gebrüder Riklin. «Ich bin in einer Architekturzeitschrift auf das in Linz realisierte Konzept aufmerksam geworden», sagt Maron.

Elektrische Leitungen gelegt

Im Linzer Stadtpark habe der Architekt Andreas Strauss solche Röhren zu Übernachtungszwecken plaziert. «Wir haben es adaptiert, schrieben den Architekten auch an, weil wir den korrekten Weg gehen wollten. Doch hat er nicht reagiert.

» Als die «Wunderbar»-Initiantinnen die Gartenanlage vorbereitet hatten, liessen sie die elektrischen Leitungen zum künftigen Standort der Röhren bereits verlegen. Vermerkt waren die Koordinaten ebenfalls schon im seinerzeit eingereichten Umgebungsplan. Übrigens: ein Hundehaus gibt's auch noch.

Für unkonventionelle Gäste

Diese 10-Tonnen-Dinger sind nun dieser Tage mit einem Tieflade-Fahrzeug angeliefert und mit einem Kran an ihren Bestimmungsort gesetzt worden.

Das Intérieur ist noch kahl. Ein Doppelbett-Rost soll in den Ausmassen 1,6 mal 2 Meter den Gästen Liegefläche bieten. Hinzu kommt ein schmales, längliches Nachttischchen. Vor den Traumröhren gibt es noch einen Sitzplatz. Für die Röhrenbewohner ist im Hotel eine Nasszelle vorhanden. Diese unkonventionelle Art zu übernachten wird im Lauf des Junis möglich werden – und preislich günstiger sein als eine Übernachtung im Zimmer mit Decke und Wänden. «Aber gerechnet haben wir den Preis noch nicht.»

Mit Gute-Nacht-Geschichte

Das nicht alltägliche Angebot richtet sich an ein spezielles Publikum, das halbwegs outdoor-erprobt ist. Ein «Erlebnis pur» versprechen die Gastgeberinnen, die originelle Zusatzleistungen bieten. So gibt es gegen Aufpreis zum Beispiel eine Gute-Nacht-Geschichte, welche die ausgebildete Schauspielerin Eva Maron ihren Gästen vorliest – vom Märchen bis zum Krimi.

Für die Röhrenträumer würde eine richtig gruselige Geschichte mit schwarzen Gestalten im fahlen Mondlicht gerade so passen.

Max Eichenberger