Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

THURGAU: Streit um Kosten fürs Nachsitzen in Bischofszell: Der Bub ist jetzt wieder brav

Daniel Nawratil ist verärgert über die Schule. Diese will den alleinerziehenden Vater im Extremfall für das Nachsitzen seines siebenjährigen Sohns bezahlen lassen. Doch so weit ist es noch nicht.
Tobias Bolli
Wer in der Schule Probleme macht, muss mit Konsequenzen leben. Doch welche sind opportun? (Bild: Trix Niederau (Symbolbild))

Wer in der Schule Probleme macht, muss mit Konsequenzen leben. Doch welche sind opportun? (Bild: Trix Niederau (Symbolbild))

Schon früher gab es Unstimmigkeiten zwischen Daniel Nawratil und der Schule Bischofszell. Sein Sohn zeige Verhaltensauffälligkeiten und störe den Unterricht, lautete die Kritik. Nawratil konnte das nicht nachvollziehen. Eine psychologische Abklärung beim Zentrum für Kind, Jugend und Familie (ZKJF) stellte ebenfalls kein anomales Verhalten fest.

Dann schickte ihm die Schule einen eigens für seinen Sohn ausgearbeiteten Massnahmenkatalog. Dieser sieht vor, Nawratil im Extremfall bezahlen zu lassen – für das Nachsitzen seines Kindes. Daraufhin platzte ihm der Kragen. Er gelangte an die Öffentlichkeit und liess seinen Fall über den «Blick» bekannt machen.

«Der Schule fehlt es an Empathie», beklagt sich Nawratil. Sein Sohn bringe aufgrund einer Scheidung nun einmal einen «emotionalen Rucksack» mit. Ausserdem habe er kürzlich einen Schulwechsel mitmachen müssen, nachdem es in Solothurn, dem Wohnort seiner Ex-Partnerin, Schwierigkeiten gegeben hatte. «Da ist es nicht erstaunlich, wenn er sich erst einmal schwer damit tut, sich einzufügen», sagt Nawratil. Der alleinerziehende Vater erlebt seinen Sohn nichtsdestotrotz ganz anders, als wie von der Schule beschrieben. Die wenigen gemeinsamen Stunden, die sie miteinander haben, wolle er deswegen nicht mit Massregeln und Strafandrohungen vergeuden.

«Natürlich werde ich den Massnahmenkatalog nicht unterschreiben», erklärt Nawratil. Dieser sieht drei verschiedene Eskalationsstufen und daran gekoppelte Strafmassnahmen vor. Verhält sich sein Kind auffällig oder störend, kann das die Lehrperson mit gekreuzten Fingern anzeigen. Der Schüler hat sich dann sofort in ein Nebenzimmer zu begeben, und da alleine zehn Minuten zu arbeiten.

Die Stufe 2 tritt in Kraft, wenn sich die Mitarbeit des Kindes nach diesem Timeout nicht verbessert hat. Dann muss es für einige Zeit das Schulzimmer wechseln und darf erst am Ende der Lektion zurückkommen. Wenn auch dies nichts gefruchtet hat, werden die Strafmassnahmen der Stufe 3 verhängt und das Kind für eine Woche in eine andere Klasse versetzt. Verhält es sich nach Stufe 1 und 2 wieder wie gewünscht, sinkt es sofort auf Stufe 0 herab.

Für Nachhilfe bleibt keine Zeit

«Solche Strafandrohungen haben etwas Mittelalterliches», meint Nawratil. Erst recht nicht anfreunden kann er sich mit dem Zusatz, dass – sollte sein Sohn auf Stufe 3 gelangen – verpasster Schulstoff nachgeholt werden muss. Geht das nicht von zu Hause aus, bleibt als letzte Option
ein sogenannter Hausaufgabenraum. Das beaufsichtigte Nachsitzen dort würde Nawratil dann in Rechnung gestellt werden.

Als arbeitstätiger Mensch habe er schlicht keine Zeit, Nachhilfe zu geben, sagt Nawratil. Sollte sein Sohn einmal auf Stufe 3 landen und den vorgesehenen Schulstoff nicht bearbeiten können, müsste er den Hausaufgabenraum wohl in Anspruch nehmen. Und er müsste es sich gefallen lassen, von der Schule dafür zur Kasse gebeten zu werden. Noch ist ein solcher Ausgang aber lediglich eine theoretische Möglichkeit – Nawratils Sohn befindet sich derzeit auf Stufe 0.

Die Schule Bischofszell verteidigt ihren Massnahmenkatalog. «Er ist individuell und zielt darauf ab, für das Kind ein möglichst optimales Lernumfeld zu schaffen», sagt Magnus Jung, Leiter Pädagogik. Wenn ein Kind seine Leistung nicht erbringt, könne die Schule nicht einfach alle Verantwortung auf sich nehmen. «Gibt es Probleme, müssen wir auch die Eltern involvieren können», sagt Jung. Bei knappen Finanzen lasse man zudem mit sich reden. Corinna Pasche, Präsidentin der Volksschulgemeinde Bischofszell, verweist auf die Verordnungen des Thurgauer Regierungsrates. Darin ist festgelegt, dass die Schüler ihre Hausaufgaben regelmässig und ordentlich zu erledigen haben. Verabsäumen sie dies, ist eine Aufgabenhilfe vorgesehen. Sie kann den Erziehungsberechtigten – streng nach dem Buchstaben des Gesetzes – tatsächlich in Rechnung gestellt werden.

Das Gespräch hat sich gelohnt

Am Dienstagabend – pikanterweise nur Tage nach Nawratils Gang an die Öffentlichkeit – fand ein Standortgespräch mit der Schulleitung statt. Der Artikel im «Blick» sei dabei kein Thema gewesen, hiess es von beiden Seiten. Stattdessen wurden die auf Nawratils Sohn zugeschnittenen Massnahmen besprochen.

Obschon niemand von seiner Position abrückte, hat sich das Gespräch gelohnt. «Es verlief sachlich und konstruktiv», bestätigt Nawratil. Ausserdem habe niemand von ihm verlangt, den Massnahmenkatalog zu unterschreiben. Auch Jung gibt sich zufrieden. «Wir sind im Guten auseinandergegangen», sagt er. Schulpräsidentin Corinna Pasche hofft derweil, dass sich die Wogen wieder glätten werden. «Andere Themen wären eigentlich wichtiger», ist sie überzeugt.

Zurückgepfiffen

Das Bundesgericht hat kürzlich zwei Regelungen des Volksschulgesetztes des Kantons Thurgau aufgehoben. Demnach muss der obligatorische Grundschulunterricht für alle Schülerinnen und Schüler kostenfrei sein. Von den Eltern geforderte Beiträge für notwendige Deutschkurse wurden ebenso für verfassungswidrig befunden wie eine Kostenbeteiligung der Erziehungsberechtigten an obligatorischen Klassenlagern. Es ist allerdings ungewiss, ob dieser Bundesgerichtsentscheid auch auf den Fall Nawratil angewendet werden könnte. (tob)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.