Tellerwäscherin im Tanzlokal

ROMANSHORN. Am 27. Juni verabschiedet die Stadt Romanshorn das «Bodan». Zeitzeugen erinnern sich. Hildegard Bollhalder servierte als 15-Jährige im Restaurant.

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Hildegard Bollhalder Ehemals im Service des Bodan. (Bild: pd)

Hildegard Bollhalder Ehemals im Service des Bodan. (Bild: pd)

Wer in den Fünfzigerjahren Romanshorn besuchte oder sich im Fischerdorf eine Bleibe suchte, kam nicht am «Bodan» vorbei. Das im Jahr 1856 erbaute Restaurant und der im Jahr 1938 eröffnete Saal bildeten das Epizentrum der Romanshorner Künstlerveranstaltungen, des Tanzes und Nachtlebens.

Hildegard Bollhalder jedoch kam nicht für den Ausgang, sondern wegen der Arbeit ins In-Lokal. «Vergnügen hat es mir trotzdem bereitet», lacht die ehemalige Serviceangestellte.

Die Mutter arbeitete schon dort

«Das <Bodan> war in meiner Kindheit fast täglich ein Gesprächsthema», erinnert sich Bollhalder. Ihre Mutter habe gerne von ihren Aushilfseinsätzen im Restaurant erzählt. «Sie war sichtlich stolz auf ihren Job.» Als die Mutter sie im Auftrag von Ernst Arnold Züllig um Mithilfe in der Geschirrküche bat, überlegte die 15jährige Hildegard nicht lange.

Der Abend, als sie spontan von der Arbeit als Tellerwäscherin entbunden und mit einer weissen Schürze ausgestattet in den Service eingeteilt wurde, ist der heute 75-Jährigen noch präsent. «Ich bin vor Stolz fast zerplatzt.»

Zum Abschluss ein Wienerli

Wenn es dem umsichtigen Patron nicht schnell genug ging, habe er kurzerhand selbst zum Serviertablett gegriffen. Das sei allerdings einmal ganz schön ins Auge gegangen. «Der Chef wollte die Musiker hinter der Bühne bedienen, stolperte über Kabel und Mikrophone und sorgte im übervollen Saal für einen grossen Knall und kurze Dunkelheit», erzählt Hildegard Bollhalder lachend. Wenn E. A. Züllig sein Personal länger auf Trab halten musste, gab es zum Abschluss Wienerli, und wenn kein Zug mehr fuhr, setzte er sich kurzerhand in sein Auto und fuhr die Angestellten nach Hause.

Obwohl er seine Mitarbeiterinnen stets zuvorkommend behandelte, gab es für niemanden eine Fixanstellung. «Seine telefonischen Aufgebote für den nächsten Tag kamen nicht selten erst am Vorabend.» Das habe ihr aber nichts ausgemacht. «Im Gegenteil. Ich habe mich über jede Anfrage gefreut.»

Auch als die junge Serviertochter ein fixes Einkommen anstrebte und deshalb eine Anstellung in St. Gallen annahm, war sie für Aushilfseinsätze im «Bodan» so oft wie möglich bereit. «Ich habe dafür gerne meine Freitage geopfert.»

Sie will die Bagger nicht sehen

Hildegard Bollhalder wird wehmütig, wenn sie daran denkt, dass das «Bodan» abgerissen wird. «Wenn Anfang Juli die Bagger auffahren, will ich nicht zu Hause sein», sagt die Frau, die in unmittelbarer Nähe des Hauses wohnt und sich den traurigen Anblick vom definitiven Ende ihres einst geliebten Arbeitsplatzes nicht antun will. Dass im «Bodan» ein Abschiedsfest steigt und dies die alten Erinnerungen noch einmal auffrischt, erachtet sie indes als eine gute Idee. (red.)