Teilen, was im Garten wächst

AMRISWIL. Wer am Existenzminimum lebt, ist eingeladen, bei Paul Zellweger ein Glas Konfitüre, eine Flasche Essig oder eine selbstgemachte Pesto zu holen. Der Amriswiler möchte seinen naturgegebenen Überschuss sozial verwerten.

Rita Kohn
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Paul Zellweger erntet die Trauben in seinem Garten. Später wird er daraus Konfitüre kochen. (Bild: Rita Kohn)

Paul Zellweger erntet die Trauben in seinem Garten. Später wird er daraus Konfitüre kochen. (Bild: Rita Kohn)

Paul Zellweger hat genug. In seinem Garten wächst derzeit vieles im Überfluss. So viel, dass er nicht alles selber verbrauchen kann. Wegwerfen oder vergammeln lassen mag der Amriswiler die Früchte aber nicht. «Ich verarbeite sie», sagt er und weist auf das Regal, auf dem sich Essigflaschen und Konfitürengläser stapeln.

Der Blick aufs Etikett verrät, dass der 59jährige Amriswiler auch bei seiner Konfitüre eigene Wege geht. «Ich experimentiere gerne mit den verschiedenen Geschmacksrichtungen», verrät er mit einem verschmitzten Lächeln. Was er tut, weiss er ganz genau. Denn der Amriswiler hat einst Koch gelernt.

Den Reichtum teilen

Die Konfitüre, den Essig und die anderen Produkte, die er aus den Früchten und dem Gemüse in seinem Garten herstellt, sind weit mehr, als der Eigenverbrauch ausmacht. Deshalb hat sich Paul Zellweger entschieden, davon etwas abzugeben. «Ich lade Menschen, die am Existenzminimum leben, ein, sich bei mir etwas von den Produkten abzuholen. Unentgeltlich.»

Seine Idee hat Paul Zellweger kürzlich öffentlich gemacht. Die Resonanz war gross. Aber vor allem von Leuten, die den Amriswiler für seine Initiative lobten. «Es kamen bisher nur zwei, die wirklich von meinem Angebot Gebrauch machen wollten.» Der Amriswiler weiss, dass die Hemmschwelle bei vielen Menschen, die nichts haben, gross ist. «Niemand möchte zugeben, dass es ihm nicht gut geht.»

Für ein soziales Projekt

Wer nicht von der Sozialhilfe leben muss, kann trotzdem in den Genuss der Produkte von Paul Zellweger kommen. «Ich verkaufe die Konfitüren und Essige auch für einen Fünfliber», sagt er. Das Geld, das er einnimmt, kommt in eine spezielle Kasse. Daraus unterstützt Paul Zellweger eine Nachbarin, die sich um verlassene Katzen kümmert. «Ich habe gemerkt, dass sie das Wenige, das sie hat, für Katzenfutter aufwendet», sagt er. Für sie selber bleibt oft nichts übrig.

So haben schon einige der Konfitüren und Essige Abnehmer gefunden. «Manchmal verkaufe ich meine Konfitüren auch in der Firma, in der ich arbeite», sagt Paul Zellweger. Die Kollegen wüssten die ungewöhnlichen Geschmackskombinationen aus dem Garten in Amriswil zu schätzen, ob es nun etwa Pfirsich mit Whisky ist, Traube mit Maraschino oder Erdbeer-Rhabarber mit Amaretto. «Da gehen immer ein paar Gläser weg.»

Mehr für andere einstehen

Für Paul Zellweger ist die Aktion, die er nun lanciert hat, nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. «Es braucht viel mehr Menschen, die mitmachen», sagt er unumwunden. Aber vielleicht gebe er ja dem einen oder anderen einen Anstoss dazu, selber etwas beizutragen. Paul Zellweger denkt darüber nach, weitere Projekte für Menschen zu lancieren, die von der Sozialhilfe abhängig sind. «Es wäre beispielsweise schön, wenn diese Menschen einen kleinen Laden betreiben könnten, in denen sie solche Produkte zu einem sehr geringen Betrag an Bedürftige verkaufen.»

Der Amriswiler mit einem grossen Herzen ist kein einfacher Bürger. Er eckt immer mal wieder an mit seinen Ideen und versäumt es auch nicht, offen Kritik zu äussern. Nach Amriswil gekommen ist er vor rund 17 Jahren. «Ich fühle mich wohl hier», sagt er. Und er interessiere sich auch für die örtliche Politik. Den Bezug zu seiner Heimat lebt Paul Zellweger in verschiedener Hinsicht: «Ich kaufe hier vor Ort ein und besuche hier die Lokale.»