TALENTIERT: Ein Leben unterwegs

Noelle Maritz aus Erlen spielt Fussball. So gut, dass sie davon leben kann. Nächsten Monat tritt sie an der Europameisterschaft an – für die Schweiz. Zum Glück, denn die Thurgauerin hätte auch für die USA spielen dürfen.

Donat Beerli
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Noelle Maritz auf der Dachterrasse ihres Elternhauses in Erlen. (Bild: Andrea Stalder)

Noelle Maritz auf der Dachterrasse ihres Elternhauses in Erlen. (Bild: Andrea Stalder)

Donat Beerli

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@thurgauerzeitung.ch

Sie spricht so, wie sie spielt. Unaufgeregt und ruhig. Aber wie eine, die genau weiss, was sie will. «Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht», sagt Noelle Maritz. «Ein grösseres Privileg gibt es nicht.» Maritz ist gerade wieder viel unterwegs. Ein Fussballprofi halt. Saisonabschluss mit Wolfsburg, Zusammenkunft mit der Nati, in zwei Wochen fährt sie an die EM, dazwischen Ferien. Barcelona – dann Erlen, zu Hause bei den Eltern. «Ich bin leider nicht mehr oft hier, die Zeit fehlt.»

Dabei hätte es auch anders kommen können, wenn sie vor vier Jahren, wie geplant, ihre Lehre auf der Gemeinde Erlen an­gefangen hätte. Doch als der ­ VFL Wolfsburg anrief, musste sie nicht lange überlegen. 1. Bundesliga, Profitrainer, internationa­le Konkurrenz, die Chance auf ­einen Profivertrag. «Ich bin nicht diejenige, die Heimweh hat», sagt Maritz. Sie ist schon ihr Leben lang unterwegs. Die Schweizer Eltern wanderten nach Kalifornien aus, bevor Noelle geboren wurde. Mit vier Jahren fing sie mit Fussball an, daneben noch ein wenig Baseball, «wie das halt so ist in den USA», sagt Maritz. Ein Jahr später zog die Familie an die Ostküste, New Jersey. In einer Fussballakademie wurde sie zum ersten Mal professionell gefördert.

«Zwischen Jungs und Mädchen gibt es keinen Unterschied in den USA», sagt Maritz. «Junge Mädchen haben die besseren Voraussetzungen als hier.» Weil sie in den USA geboren ist, könnte sie auch für deren Nationalteam spielen. «Das habe ich mir aber nie überlegt», sagt Maritz. «Ich fühle mich als Schweizerin.»

Die Jungs beim FC Wil aufgemischt

Als sie zehn war, kehrte die Familie in die Schweiz zurück – und Noelle ging zum FC Amriswil. Nach dem ersten Training sagte eine Mitspielerin zu ihrer Mutter: «Wir haben eine aus Amerika, die ist saugut.» Das war sie. Zwei Jahre später spielte sie bereits beim FC Wil. Nicht in einer Mädchenmannschaft, sondern bei den Buben in der U12. Unter der Wochen ging sie im Fussball-Ausbildungszentrum in Huttwil zur Schule und am Wochenende trat sie mit den Jungs gegen die besten Schweizer Teams an.

Einer, der sich damals für sie starkmachte, ist ihr damaliger Trainer Mario Leber. «Sie war eine stille Schafferin», sagt er. Körperlich schwächer, dafür den Jungs technisch überlegen. Leber mag sich gut an die ersten Spiele erinnern. Die Jungs seien eifersüchtig gewesen, weil sie als Mädchen gespielt habe. «Aber als sie einmal nicht kam, fragten mich alle, warum Noelle nicht hier ist.» Leber ist überzeugt, dass sie die zwei Jahre bei Wil als einziges Mädchen unter Jungs entscheidend weitergebracht haben. «Sie hat sich durchgebissen mit ihrem eisernen Willen.»

Später ging sie zum FCZ, und von da weiter nach Wolfsburg, in die Stadt, wo sich alles um Autos dreht. Nicht gerade der Ort, den sich eine junge Frau zum Wohnen aussuchen würde. «Zum Glück ist Berlin nur 50 Minuten entfernt», sagt Maritz und lächelt. Doch so wichtig ist ihr das sowieso nicht, ihre Konzentration gehört allein dem Fussball. Dafür sind die Bedingungen in Wolfsburg top, wie sie sagt. Maritz ist Vollprofi – mit allem, was dazu­gehört: Bundesliga, Cup, Champions League, englische Wochen, ein Berater, der ihre Verträge aushandelt. Genau gleich wie bei den Männern. «Ausser der Höhe der Beträge.» Maritz ist keine, die sich deswegen beklagt. «Ich kann nur gut spielen, ändern kann ich an der Situation nichts.» Und sowieso: «Ich mache jeden Tag das, was ich am liebsten tue. Wer kann das schon?»

Die USA bleiben eine Option

Maritz’ Leben dreht sich um Trainings, die richtige Vorbereitung und die nächsten Spiele. Wie geht sie mit dem Druck um? «Dazu mache ich mir keine Gedanken, ich spiele einfach.» Sie fühlt sich wohl in der Fussballerinnenwelt, dort hat sie auch ihre besten Freundinnen. Der Konkurrenzkampf sei da, natürlich, doch man verstehe sich gut untereinan­der. «Zickenkriege gibt es nicht bei uns.» Ein Jahr bleibt ihr noch in Wolfsburg. «Es passt», sagt Maritz. Doch ihre letzte Station wird die deutsche Autostadt nicht sein. «Wer weiss, vielleicht spiele ich irgendwann in den USA.»