TÄGERWILEN: Lussi lässt die Säge los

Er gab den Ansporn, das zerfallene Sägewerk zu restaurieren. Heute ist die Säge ein Kulturgut, und Lussi hat als Präsident des Vereins Alte Säge 32 Jahre lang gut zu ihr geschaut. Nun gibt der 78-Jährige sein Amt ab – ein Blick zurück auf eine grosse Passion.

Annina Flaig
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Niklaus Lussi mit der rund 180 Jahre alten Säge. Er nennt sie ein Juwel. (Bilder: Donato Caspari)

Niklaus Lussi mit der rund 180 Jahre alten Säge. Er nennt sie ein Juwel. (Bilder: Donato Caspari)

Annina Flaig

annina.flaig@thurgauerzeitung.ch

Längs bis zur Mitte angesägt. So liegt ein fünf Meter langer Baumstamm in der alten Säge Tägerwilen und wartet, bis es weitergeht. «Vielleicht am Sonntag», sagt Niklaus Lussi. Dann werden die Mitglieder des Vereins Alte Säge die Saison eröffnen. Und Lussi wird es wieder hören, das Zischen des Sägeblatts und das Plätschern des Wassers auf dem Wasserrad. Die Sägemühle wird mit Wasser aus dem Allmendbach angetrieben. Dieses sammelt sich im Teich neben dem altehrwürdigen Gebäude. «Es tönt so schön, wenn sie sägt», sagt der 78-Jährige. Er lächelt und spitzt die Lippen. Das Geräusch zu imitieren fällt ihm leicht – auch wenn es in Wirklichkeit ganz anders klingt, wie er versichert. Ein paar hundert Mal hat er es schon gehört, seit er das alte Sägewerk zusammen mit anderen Liebhabern wieder instand gesetzt hat. Das war vor 32 Jahren.

Lussi ist der erste und bisher einzige Präsident des von ihm ­gegründeten Vereins. Am Freitag an der GV gibt er sein Mandat weiter. Was ihm die Säge bedeutet? «Ach, Sie», sagt er und wischt sich mit seinem Stofftaschentuch übers Gesicht, «das Ding hat mich durchs Leben begleitet.»

Als Bub hat er den letzten Säger beobachtet

Das alte Sägewerk steht neben einem stattlichen Mühlegebäude im Oberdorf und wirkt wie ein Tor zu einem Land vor unserer Zeit. Lussi heisst Neugierige hier gerne willkommen. Die Säge nennt er ein Juwel. Es ist allerdings eines der besonderen Art: Fett und Staub kleben an den Führungsstangen des Sägeblatts und haben in all den Jahren auch die schweren Balken schwarz gefärbt. Die Säge dürfte rund 180 Jahre alt sein. So genau weiss das keiner. Den letzten Säger, Eduard Egloff, hat Lussi als Bub noch beobachtet. «Es hat mich beeindruckt, wie er mit den grossen Baumstämmen gearbeitet hat.» Später, Ende der 60er-Jahre, war er froh, dass es gegen die geplanten Mehrfamilienhäuser auf dem Obermühleareal Opposition gab. Denn der Säge drohte der Abbruch. Lussi ist gebürtiger Tägerwiler. Das historische Überbleibsel ist für ihn ein Stück Heimat. Das war auch die Motivation, mit der der damals 46-jährige selbstständige Gemüsebauer mit Hilfe Gleichgesinnter im Verein die Säge restaurierte.

Ein Teil des Sägewerks stammt aus seiner Stube

Auf über 300 000 Franken wurde die Renovation geschätzt. Lussi hat diese Zahl ausgeblendet. Er, der 20 Jahre im Gemeinderat und 12 Jahre im Kantonsrat sass, war gut vernetzt und einfallsreich. So hat er die Treppe zum Wasserrad vom ehemaligen Restaurant Sonne übernommen. Und die Sandsteinplatte beim Auslauf des Weihers hat er aus seiner eigenen Stube mitgebracht, als dort der Kachelofen abgerissen wurde. Beim Erzählen lacht er schelmisch und verrät: «Bei uns war die Stimmung so gut, dass alle ehrenamtlich gearbeitet haben.» Nach vier Jahren lief die Säge einwandfrei. Man war mit 40000 Franken Materialkosten durchgekommen.

Schulen, Firmen, das Bauamt, die Pflanzenbaukommission bis hin zum Regierungsrat: Unzählige Gruppen haben seither die Säge bestaunt. Rund 15000 Leute hat Lussi schon durch das Sägewerk geführt und mit ihnen dem Zischen und Plätschern zugehört. Rund eine Stunde dauert es, bis der fünf Meter lange Stamm längs ganz durchgesägt ist. Doch Lussi hat in all den Jahren nie erlebt, dass einer diese Musse aufgebracht hätte.