TÄGERWILEN: Am Ende obsiegte das Vertrauen in die Behörde

Die fast 250 Stimmberechtigten an der Gemeindeversammlung stimmen klar und deutlich dem Erhalt der Buslinie 907 zu. Trotz Diskussionen bewilligen sie auch die Einzonung und den Kauf eines Grundstücks im Industriegebiet.

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«In den 22 Jahren, die ich im Amt bin, habe ich noch nie so viele Leute hier gesehen.» Gemeindepräsident Markus Thalmann hatte einen Tag nach seinem 60. Geburtstag eine Herkulesaufgabe. 247 Stimmberechtigte kamen zur Gemeindeversammlung, auf deren Traktandenliste viele heikle Punkte standen und die am Ende auch fast dreieinhalb Stunden dauerte. Doch der erfahrene ­Gemeindepräsident konnte am Dienstagabend, 23.30 Uhr, strahlen. Die Stimmbürger entschieden immer im Sinne des Gemeinderats.

Die ersten Diskussionen hatten sich um die Investition von 100000 Franken im Budget 2018 für die Sanierung des Pistolenschützenstandes gedreht. Ein Antrag zur Streichung und genaueren Abklärung fand keine Mehrheit. Der Vorschlag der CVP, dass der Beitrag erst geleistet wird, wenn ein neuer Baurechtsvertrag mit dem Pistolenschützenverein unter Dach und Fach ist, wurde mit grosser Mehrheit genehmigt. Dem leicht defizitären Budget der Gemeinde und dem unveränderten Steuerfuss von 35 Prozentpunkten stimmten die Anwesenden einstimmig zu.

Schulbesuch in Konstanz erschwert Integration

Bei den Einbürgerungen kam Unruhe auf, weil der Sohn einer deutschen Familie in Konstanz das Gymnasium besucht. Viele im Saal goutierten dies nicht. Entsprechend erhielt der Bub auch relativ viele Nein-Stimmen bei der geheimen Abstimmung. Zur Einbürgerung reichte es letztlich aber doch problemlos.

Die Gemeinde erhielt auch die Kompetenz zugesprochen, drei Liegenschaften im «Roosegarten» zu verkaufen. Sie möchte hier drei Schweizer Familien mit «Bezug zu Tägerwilen» zu einem Fixpreis von 600 Franken pro Quadratmeter ermöglichen, ein Eigenheim zu realisieren. Der Preis sei bewusst fair angesetzt um der «Preistreiberei» der letzten Jahre entgegenzuwirken.

Am längsten diskutiert wurde über die Einzonung und den Kauf eines Grundstücks im Unteren Tägermoos. Die Gelegenheit zur Schaffung von Reserve-Bauland ergab sich im Zuge der Ansiedlung der Mowag und Verhandlungen mit Einsprechern in der ­direkten Nachbarschaft. Das Unternehmen habe auch ihr langfristiges Interesse für eine Erweiterung kundgetan. Trotz vieler kritischer Voten appellierte Thalmann an die Versammlung, Vertrauen in das strategische Geschick der Behörde zu haben. In geheimen Abstimmungen wurden letztlich sowohl die Einzonung (131 Ja- zu 110 Nein-Stimmen) als auch der Kauf (131 Ja zu 109 Nein) genehmigt.

Nachdem der Kanton Thurgau die Buslinie 907 ab 2019 nicht mehr subventionieren wird, müssen Kreuzlingen und Tägerwilen eine Lösung finden, wenn sie diese erhalten wollen. Nach vielen positiven Voten entschieden sich die Stimmberechtigten mit ganz klaren Mehrheiten für die Vollvariante. Diese sieht eine neue Linienführung vor, die auch das Industriegebiet einschliesst, und kostet Tägerwilen 175000 Franken pro Jahr. In Kreuzlingen wird nun noch der Gemeinderat über die Mehrkosten für die Stadt befinden müssen.

Zehn Minuten gehörte der Gemeinde das Zollhaus

Der Gemeindepräsident orientierte unter Verschiedenes über das Zollhaus. Ein Thema, das zuvor schon kritisch angesprochen worden war. Die Liegenschaft am Tägerwiler Zoll wurde vom Bund zum Verkauf ausgeschrieben. Die Gemeinde machte von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch, um das Gebäude sofort kostenneutral einem Tägerwiler Unternehmer weiterzuverkaufen. Christian Rosenberg habe bereits das Hotel Trompeterschlössle gekauft und wolle dieses erhalten. Seine Firmen möchte er ins Zollhaus zügeln. Er könne so auch Synergien nutzen.

Beides liege im Interesse der Gemeinde Tägerwilen, begründete Thalmann das unorthodoxe Handeln der Gemeinde.

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch