Stundenlang kein Mensch

Wandern. Eine urschweizerische Angelegenheit, oder? Doch halt: In Estland gibt es einen Rundweg, welcher fast durchs ganze Land führt. Die Organisation, die den Weg betreut, bringt an den Bäumen farbige Kennzeichnungen an, welche den Weg weisen.

Stefan Kuhl
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Stefan Kuhl

Stefan Kuhl

Wandern. Eine urschweizerische Angelegenheit, oder? Doch halt: In Estland gibt es einen Rundweg, welcher fast durchs ganze Land führt. Die Organisation, die den Weg betreut, bringt an den Bäumen farbige Kennzeichnungen an, welche den Weg weisen. Alle paar Kilometer gibt es eine Brätelstelle, meist mit Übernachtungsmöglichkeit, die kostenlos benutzt werden kann.

Diesen Sommer verbrachte ich mit meiner Partnerin in Estland, sie wollte wandern. Wir organisierten Zelt, Schlafsack und Rucksack und packten alles ins Auto. Inmitten eines Waldes liess uns die Mutter meiner Partnerin aussteigen. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob sie mich wirklich mag oder dies ihre Hoffnung auf Entsorgung meiner selbst war. Der Wald war dunkel, Häuser hatte ich seit mehreren Kilometern nicht mehr gesehen. Wir schulterten also die Rucksäcke, schnürten die Schuhe und wanderten los.

Die erste Etappe verlief ruhig, Wald, Felder, ein paar Seen. Keine Menschen. Ich habe während sieben Stunden Wandern niemanden gesehen. Wir erreichten erschöpft unser Etappenziel: eine Waldhütte. Draussen zelten sollte man nicht, Bären und Wildschweine sind auch zu Gast an diesem wunderschönen Ort. Am zweiten Tag durchquerten wir einen Sumpf und noch mehr Wälder. Es war heiss. Belohnt wurden wir am Ende des Tages mit einem Rastplatz direkt an einem Fluss in Värska. Gott sei Dank sind Estlands Läden auch am Abend bis mindestens um 20 Uhr geöffnet: Ich brauchte dringend ein Bier.