Still und heimlich muss nicht sein

Mutmassliche Veruntreuung bei der Arbon Energie AG: Der Fall weist Parallelen auf zum Finanzdebakel von 2008 beim kantonalen Elektrizitätswerk. Die Kommunikation unterscheidet sich aber grundlegend.

Tanja von Arx
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Arbon TG -  EKT Hauptsitz Arbon .

Donato Caspari © TZ , 22.01.2009 (Bild: DONATO CASPARI)

Arbon TG - EKT Hauptsitz Arbon . Donato Caspari © TZ , 22.01.2009 (Bild: DONATO CASPARI)

ARBON. Viel Geld kommt weg, jemand aus der Chefetage gerät unter Verdacht, und der allfällige Verlust belastet das Portemonnaie der Steuerzahler. Was sich bei der Arbon Energie AG in den letzten Monaten abgespielt hat, mutet seltsam an. Einen ähnlichen Fall hat es in der Stadt aber schon einmal gegeben.

Die Rede ist vom Finanzdebakel beim Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT) mit Sitz in Arbon. Es kostete das EKT nicht nur 35 Millionen Franken, als der Finanzchef ohne Absprache mit dem CEO und dem Verwaltungsrat eine Grossinvestition bei der US-Bank Lehman Brothers tätigte. Die Bank meldete im Zuge der Finanzkrise Insolvenz an. Auch der Finanzchef flog auf. Er hatte unrechtmässig Provisionen in Höhe von einer Million Franken bezogen.

Zwar handelte es sich beim EKT um einen ungleich grösseren Betrag als bei der Arbon Energie AG – Stadtpräsident Andreas Balg machte den möglichen Schaden im sechsstelligen Bereich fest – im Verhältnis der Umsätze ist er aber vergleichbar. Vergleichbar sind auch die Besitzverhältnisse. Das EKT gehört dem Kanton, die Arbon Energie AG der Stadt. Umso mehr erstaunt, wie unterschiedlich die Verantwortlichen die Öffentlichkeit informierten.

EKT sagt's dem Regierungsrat

Als im September 2008 die Lehman-Brothers-Insolvenz bekannt wurde, unterrichtete EKT-CEO Kronenberg noch am selben Tag Verwaltungsratspräsident Hans Jakob Zellweger; nachdem dieser die Geschäftsleitung anwies, Abklärungen zu treffen, informierte das EKT zwei Wochen später den Regierungsrat. Eine Woche danach lag den Medien ein erster Bericht von der Revisionsstelle und von einem Finanzfachmann vor. Drei Tage später folgte ein weiterer mit Details. Auch, als der Finanzchef freigestellt wurde, informierten das EKT und der Regierungsrat gemeinsam. «EKT geht nach Debakel in die Informationsoffensive», titelte die Thurgauer Zeitung. Ebenfalls machte die Kantonspolizei Thurgau im Auftrag des Bezirksamts Münchwilen die Strafanzeige gegen den Finanzchef publik.

Seine Schuld war unklar

Die Unschuldsvermutung galt. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, welche Schuld den Finanzchef traf, ob er sich mit dem CEO und dem Verwaltungsrat abgesprochen hatte, gar der vermutete Verlust beim EKT variierte von anfänglich 28 auf später 35 Millionen Franken. SVP-Kantonsrat Urs Martin forderte erst im Dezember in einer Interpellation, die Verantwortlichkeiten in der Firma abzuklären.

Ende Jahr publizierte der Regierungsrat einen Bericht, in dem er festhielt, dass der CEO den Finanzchef «an der zu langen Leine» geführt hätte; im Januar sagte der damalige EKT-Verwaltungsrat Kaspar Schläpfer in einem Interview, der Finanzchef hätte seine Handlungen «raffiniert verheimlicht». Und im Mai 2009 kündigte die Kantonspolizei den Abschluss der Strafuntersuchung mit einem Sachverständigungsgutachten im Communiqué an.

Der breiten Kommunikation beim EKT steht das strikte Schweigen bei der Arbon Energie AG gegenüber. «Ich kann dazu keine Auskunft geben», sagte Stadtpräsident Balg, als unsere Zeitung ihn auf Gerüchte in Arbon ansprach, nach denen Geld unterschlagen worden sei. Eine Mitteilung zur laufenden Untersuchung sendete die Arbon Energie AG erst, nachdem ein Artikel erschienen war. Und verspätet ging im Juni die Meldung ein, dass Verwaltungsratspräsident Alfred Näf einen Monat zuvor zurückgetreten war. Ausser der Bestätigung, dass Anzeige eingereicht worden sei, äusserte sich auch die Staatsanwaltschaft Thurgau nicht.

Gleich verhielten sich lediglich die Angeschuldigten. Sowohl der Finanzchef des EKT als auch die Verantwortlichen der Arbon Energie AG schwiegen.

Die Signetfarben Rot und Grün beschreiben treffend das Verhalten der Arbon Energie AG und des EKT: Keine und offene Kommunikation. (Archivbilder: Ralph Ribi/Donato Caspari)

Die Signetfarben Rot und Grün beschreiben treffend das Verhalten der Arbon Energie AG und des EKT: Keine und offene Kommunikation. (Archivbilder: Ralph Ribi/Donato Caspari)

Andreas Balg Stadtpräsident von Arbon (Bild: Nana do Carmo)

Andreas Balg Stadtpräsident von Arbon (Bild: Nana do Carmo)

Kaspar Schläpfer Früherer Verwaltungsrat des EKT (Bild: Reto Martin)

Kaspar Schläpfer Früherer Verwaltungsrat des EKT (Bild: Reto Martin)