Sprache als Schritt zur Integration

Die Flüchtlingsproblematik ist derzeit Brennpunkt in allen Medien. Die Lesung der Autorin Irena Brezná mit den hinreissenden Akkordeonklängen von Viktor Pantouschenko in der Kunsthalle Arbon lässt die Perspektive der Immigranten nacherleben.

Uschi Meister
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Autorin Irena Brezná (Bild: Uschi Meister)

Autorin Irena Brezná (Bild: Uschi Meister)

ARBON. Als «Immigrantin der ersten Stunde» kam Irena Brezná mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei 1968 in die Schweiz. Dass die Sprache Grundstein zum Zurechtfinden im neuen Land sei, erkannte sie treffend: Sie arbeitete als Gerichtsdolmetscherin, als Kriegsberichterstatterin, als humanitäre Helferin beim Roten Kreuz, blieb ihrer Liebe zur Sprache als Schriftstellerin über all die Jahre treu.

Tiefschürfend und witzig

Tiefschürfend ist sie geblieben diese Sprache, mal scharf beobachtend, stets amüsant spitzfindig. Auch Humor schimmert durch. Auf dem Weg zur Kunsthalle hat sie sich Gedanken über frühere Geschehnisse in Arbons Altstadtgassen gemacht. «Die undankbare Fremde» heisst der schmale Band in ihrer Hand, in dessen Zeilen sie sich eben ein wenig wundert, dass «I ha Di gärn» sich sowohl auf eine ihr nahe Person, aber in annähernd gleicher Betonung auf das Zmorge-Müesli beziehen kann. Da merkt der Zuhörer schnell, dass auch der Buchtitel nur ironisch gemeint sein kann. «Ich fand sie, die Kunst des Motzens!», versichert sie später und sinniert schelmisch: «Ich heisse Immigratia, meine Heimat ist Ausländerin.» Auf die Migrationsproblematik schwenkend, zitiert sie Worte unseres scharfzüngigsten Dichters Friedrich Dürrenmatt: «Sei human, bewahre Abstand.»

Schreiben in der Fremdsprache

Sie selbst schrieb von Beginn an in Deutsch, aus ihrem Blickwinkel also in einer Fremdsprache. Grosses Staunen, wie eine Zuhörerin sie bittet, einige Sätze in ihrer Muttersprache zu reden, fast wähnt man eine andere Person vor sich.

Viktor Pantouschenkos Sprache liegt auf den Tasten des Akkordeons und braucht damit keinerlei Übersetzung. Die Melodie sinnt in Gedanken: «Wenn ich einmal reich wär?…», dem musikalischen Dauerbrenner aus dem Musical «Anatevka». Das Gesicht des zufrieden strahlenden Einwanderers aus der Ukraine verrät, dass für ihn der Liedtext nicht als fordernder Wunsch zu verstehen ist, vielmehr als Anspielung auf im Gastland eher ernstzunehmende Deutungen. Deutlich wird dem Zuhörer, dass der gemeinsame Nenner Sprache, seien es Worte oder in einer Melodie geweckte Gefühle, ganz vorne am Beginn einer Integration stehen.