Spitze Feder und scharfe Zunge

ARBON. Gabriel Vetter, derzeit angesagtester Poetry-Slammer, kam ins Arboner Kulturcinema. Jürg Niggli nahm den brillanten Schreiber mit Kniffel-Fragen in die Mangel. Sehr zum Amüsement des Publikums.

Uschi Meister
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Unter dreissig schon alles erreicht: Slampoet Gabriel Vetter schrieb unter anderem auch fürs St. Galler Tagblatt. (Bild: Uschi Meister)

Unter dreissig schon alles erreicht: Slampoet Gabriel Vetter schrieb unter anderem auch fürs St. Galler Tagblatt. (Bild: Uschi Meister)

Bei dem in Kürze dreissig werdenden Jungstar Gabriel Vetter liegt die Kindheit noch nicht weit zurück. Auch geographisch bot sich Nähe an: aufgewachsen im thurgauischen Schlattingen und in schaffhausischen Beggingen – dort, wo die Welt aufhört und Deutschland anfängt – , also keine Reise in fremde Gefilde. Nachvollziehbar indessen die Bemerkung des Gastes: «Kindheit ist immer relativ hart…»

Ein Ausnahmetalent

Kaum den Kinderschuhen und beschaulichem Landleben entwachsen, entwickelte sich Gabriel Vetter zum Ausnahmetalent, das selbst den eigenen Intentionen schnell um Schritte voraus war. Die auffallende Wortgewandtheit führte zum Jus-Studium in Basel, erste Bühnenauftritte lenkten um zur Theaterwissenschaft. Nebenbei schrieb er als Freelancer Musikbesprechungen, erhielt eine 20-Prozent-Stelle als Kultur-Redaktor.

Mit den Erfolgen kam die Zeitnot, die immer gravierender wurde. Er habe pragmatisch überlegt, welche Tätigkeit am meisten Zeit wegnehme: Der Entschluss, das Studium aufzugeben, lag auf der Hand — was nicht als Misserfolg zu werten sei. Seine Texte würden eine andere Form aufweisen, wenn er ihnen auf der Bühne Leben einhauche, sie vor Publikum darbringe, als wenn sie in gedruckter Form von Personen gelesen werden, die skizzierte Bilder mit ihrer eigenen Phantasie schmücken. Hektisch und getrieben sei diese Hansdampf-in-allen-Gassen-Arbeit, so dass er sich zuweilen nach einer vorgegebenen Tagesstruktur sehne. Es sei jedoch toll, dass er zwischen verschiedenen Standbeinen wählen könne. Im Moment sei alles bestens, selbst finanziell, «gleichwohl, ich denke, ich habe jede existenzielle Angst, die man haben kann». Viele sähen im Poetry-Slammer einen «nichtmusikbegabten Rapper».

Immer auf Erfolgskurs

Der genüssliche Auftritt führte zu «Regardez la l'Eglise – reloaded», zurück zum ergötzlichen «Emil»-Klassiker. Dann zur Lok-Führer-Durchsage «wir warteten noch auf einen nächsten Kreuzzug…». Gekontert vom Pfarrer auf Schulreise «… es wurde aber auch Zeit».

Es gab auch eine liebevolle Hommage ans Grosi und dessen Kuchenrezept aus dreizehn Zutaten: Mehl, Zucker, Sahne, Sahne, Sahne… mit Griff an erste sich abzeichnende Fettkringel auf Hüfthöhe.

Ärzte und Generalverdacht

Egal, wen Vetter gerade aufs Korn nahm, niemand würde ihm das Schnell-Porträt übelnehmen. Nicht die dreihundert reichsten Schweizer, eigentlich eine Minderheit. Nicht die Lehrer auf Liegevelos. Nicht die Metzgerlehrlinge, die lieber statt ins Kunsthaus zur Kadaversammelstelle gegangen wären. Und schon gar nicht die Ärzte unter Generalverdacht, weil sie meist bei Todesfällen zugegen sind und dann noch Handschuhe und Maske tragen.

Ein Lob noch auf die Schweiz und deren Herz, den Gotthard, ein Brocken aus Stein, von Löchern durchbohrt – «Aber wir haben ein Herz. In der Schweiz werden die Kinder noch von Hand geschlagen.» Das Publikum spendete begeistert Applaus und Slampoet Vetter war des Lobes voll für die Lokalität Kulturcinema, diesen Ort des entspannten Seins, wo die Kultur atmen dürfe.

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