Spiel verloren, Zukunft gewonnen

ROMANSHORN. Zwischen dem SBB-Lagerhaus und der Schiffswerft soll in Romanshorn ein neuer Stadtteil entstehen. Das ist nur möglich, weil das frühere Bähnlerdorf einst seine letzte Chance ergreifen wollte. Und der Kanton die Salmsacher überging.

Markus Schoch
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Blick vom ehemaligen SBB-Lagerhaus zum neuen Lagerhaus mit dem Silo an der Strasse, die Romanshorn den Weg in die Zukunft weisen sollte. (Bild: Reto Martin)

Blick vom ehemaligen SBB-Lagerhaus zum neuen Lagerhaus mit dem Silo an der Strasse, die Romanshorn den Weg in die Zukunft weisen sollte. (Bild: Reto Martin)

Romanshorn plant die Zukunft am Hafen. Was aber nur geht, weil die Zeiten einst schlecht waren. Und die Gemeinde gezwungen war zu handeln – worauf es Auseinandersetzungen fast bis aufs Blut gab. Am Schluss stellten sich sogar die Salmsacher quer. Der Grosse Rat hatte aber kein Musikgehör. Doch der Reihe nach.

Viele Stellen gingen verloren

Romanshorn musste vor rund 40 Jahren unten durch. Die goldenen Zeiten im Eisenbahnerdorf waren vorbei. Die SBB beschäftigten nur noch 400 Angestellte am Ort. Viele Arbeitsplätze waren verlorengegangen, weil 1976 der Transport von Eisenbahn-Güterwagen mit der Fähre über den See Richtung Friedrichshafen eingestellt worden war. Auch die Rezession hatte Spuren hinterlassen.

Die Aussichten waren ebenfalls nicht rosig: Was passiert mit der Transitpost, wie geht es mit der Autofähre weiter, und bleibt Romanshorn Rangier- und Umladezentrum – alles offene Fragen.

Sorgen bereiteten weiter die diversen Lagerhäuser. Das grösste und älteste der SBB sei 110 Jahre alt und sollte dringend ersetzt werden, verbunden mit dem Bau einer neuen Strasse, forderte der damalige Bahnhofinspektor 1979 in einem offenen Brief.

Widerstand gegen Pläne

Zum gleichen Schluss kam gleichzeitig eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der SBB, des Kantons, der Handelskammer und der Spediteure. Der Bau eines eigentlichen Dienstleistungszentrums mit Anbindung ans Strassennetz entspreche einem ausgewiesenen Bedürfnis.

SBB und Gemeinde arbeiteten in der Folge einen sogenannten Arealüberbauungsplan für das Gebiet zwischen SBB-Lagerhaus und Werft aus. Darin vorgesehen war unter anderem der Bau eines fast 60 Meter hohen Silos für Schüttgüter, ein Zollfreilager, ein Hafen für 300 Boote sowie eine Zufahrtsstrasse – die heutige Friedrichshafnerstrasse.

Der Aufschrei war gross. Der Thurgauische Naturschutzbund und der Berufsfischerverband erhoben Einsprache gegen das Hafenprojekt, das eine ökologisch wertvolle Flachwasserzone zerstöre. «Man schafft damit künstliche Bedürfnisse. Was aber haben die Romanshorner davon, wenn einige hundert Zürcher das Wochenende am See verbringen?», fragte sich Naturschutzbundpräsident Guido Leutenegger in einem Interview.

Der Heimatschutz bekämpfte den Silo, der wegen seiner Dimensionen auch in der Bevölkerung viel zu reden gab. «Die gigantische Konservenbüchse wird mit Abstand das grösste, massigste und hässlichste Bauwerk am ganzen Bodensee und ganz sicher das Wahrzeichen von Romanshorn werden», hiess es in einem Leserbrief. «Der Anblick der kahlen, grauen Betonmauer macht uns krank», zitierte die «Thurschau» einen Anwohner. Und ein weiterer Leserbriefschreiber fragte sich: «Wer wird im Jahr 2000 auf einem sterbenden See mit Blick auf ein Betonmonument bei uns Ferien machen wollen?»

Der Gemeinderat teilte die Bedenken nicht und wies die Einsprachen 1981 ab mit dem Hinweis darauf, dass mit der geplanten Arealüberbauung ein Uferbereich von rund einem Kilometer Länge neu öffentlich zugänglich werde.

Letzte Chance für Romanshorn

Auch beim Regierungsrat hatten die Gegner in zweiter Instanz keinen Erfolg. Der Arealüberbauungsplan sei «eine letzte Möglichkeit, um in Romanshorn, im Oberthurgau und damit im ganzen Kanton den schleichenden Abbau der Leistungen der Bundesbahnen aufzuhalten». Die Lagerhäuser seien veraltet, «ihre Instandstellung und der Neubau lohnen sich nur, wenn eine Zufahrtsstrasse erstellt wird».

Der Regierungsrat trug den Bedenken aber insofern Rechnung, als dass er einen Teil der Salmsacher Bucht zur Sperrzone erklärte, die nur von den Fischern befahren werden darf. Zudem stellte er in Aussicht, zwischen der Schiffswerft und der Aach ein «grösseres Landschafts- und Naturschutzgebiet» zu schaffen, «das – im Gegensatz zu heute – öffentlich zugänglich sein wird», heisst es in der Begründung.

Silo wird 20 Meter kleiner

Die Einsprecher liessen nicht locker und gelangten ans Bundesgericht. Mit einem gewissen Erfolg: Die SBB erklärten sich schliesslich bereit, den Silo 20 Meter weniger hoch zu bauen, dafür aber entsprechend länger.

Jetzt musste nur noch der Weg für die 850 Meter lange Zufahrtsstrasse frei gemacht werden. Kostenpunkt: Über 6 Millionen Franken. Die Romanshorner sprachen sich 1982 mit grossem Mehr für eine Beteiligung im Umfang von 1,485 Millionen Franken aus. Es gehe um eine «entscheidende Weichenstellung für unsere Gemeinde beziehungsweise unsere Region», hatte der Gemeinderat den Stimmbürgern ins Gewissen geredet. Auch der Grosse Rat gab Mittel in der Höhe von rund 2,5 Millionen frei. Allerdings erst nach längerer Diskussion. Grund war die klare Absage der Salmsacher an die neue Strasse, die über ihr Gemeindegebiet führen sollte: Die Stimmbürger sagten deutlich Nein zu einem Beitrag von 180 000 Franken an die Investition wegen des befürchteten Mehrverkehrs. Und sie beauftragten den Gemeinderat, alles zu unternehmen, um den Bau der Zufahrtsstrasse zu verhindern.

Es half alles nichts: Eine andere Linienführung zu wählen, bringe nichts, sagte der damalige Baudirektor Ulrich Schmidli. «Das wäre ein Schildbürgerstreich», meinte er in der Debatte. Die fehlenden Gelder aus Salmsach brachten Private auf.

Niedergang geht weiter

Das im Juni 1985 eröffnete Dienstleistungszentrum konnte den zunehmenden Bedeutungsverlust von Romanshorn für die Bundesbetriebe nicht aufhalten: 1996 legte die eidgenössische Alkoholverwaltung das riesige Tanklager still, 1997 entschieden die SBB, das Rangierzentrum aufzugeben, kurze Zeit später schlug auch das letzte Stündchen für die Transitpost.

Der Autofähre-Betrieb mit der neuen Anlegestelle in der Verlängerung der Friedrichshafnerstrasse konnte sich halten. Weil der Zoll sich aber zurückziehen will, ist die geplante Verdichtung des Fahrplans in Frage gestellt – wenn nicht sogar die Verbindung an sich. Immerhin gibt es Hoffnung, dass endlich neues Leben in die alten Lagerhäuser der SBB einkehrt, denen die Strasse schon vor 30 Jahren zu neuer Blüte verhelfen sollte. Die Besitzer haben grosse Pläne.