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SOMMERI: Zwei Esel und geschenkte Bäume

Zwischen drei und vier Kilometern legen Helena Kågemark und Carlo Magnani mit ihren beiden Eseln Aurora Alba und Toni pro Stunde zurück. Auf ihrem langen Fussmarsch von der Toscana nach Schweden machten sie auch halt in Sommeri.
Manuel Nagel
Für Carlo (mit Alba) und Helena (mit Toni) sind die beiden Esel mehr als nur Lastenträger auf ihrer Reise. (Bild: Manuel Nagel)

Für Carlo (mit Alba) und Helena (mit Toni) sind die beiden Esel mehr als nur Lastenträger auf ihrer Reise. (Bild: Manuel Nagel)

SOMMERI. «Wie es wohl Alba und Toni im Regen draussen geht?», sinniert Helena Kågemark. Die 45jährige Schwedin nippt an ihrer Tasse Tee und schaut besorgt zum Fenster hinaus. Wie wenn sie ein schlechtes Gewissen hätte, dass sie im Trockenen sitzen kann, während ihre vierbeinigen Gefährten dem garstigen Sauwetter im Juni trotzen müssen.

Am Kopf des Tisches sitzt Carlo Magnani, Helenas Partner. Der zwei Jahre ältere Italiener sagt, sie seien sehr glücklich, diese Reise machen zu können.

2000 Kilometer bis Göteborg

Am 11. März hatten sich die zwölf Beine in Bewegung gesetzt. In Albiano Magra in der Toscana, gleich an der Grenze zu Ligurien. Via Parma, Mailand und Como haben sie – alles zu Fuss – bei Chiasso die Grenze passiert. Die Vier durchliefen das Tessin, überquerten den Lukmanierpass und folgten dann von Disentis aus dem Rhein, bis sie schliesslich vor einer Woche in Sommeri angekommen sind. «Beinahe 600 Kilometer», rechnet Carlo im Kopf nach.

Das 500-Seelen-Dorf ist aber nicht Endstation, sondern lediglich Rastplatz für drei Nächte bei Olli Hauenstein. Der Artist aus Sommeri kennt Helena und Carlo. Sie ist Seiltänzerin und Schauspielerin, er ist Bühnentechniker im Theater.

Das Ziel ihrer Reise ist Göteborg im Südwesten Schwedens. Weit über 2000 Kilometer von ihrem Ausgangspunkt entfernt.

Ein Jahr statt drei Stunden

«Wir waren oft beruflich in der Gegend von Göteborg engagiert. Normalerweise sind wir immer von Pisa nach Göteborg geflogen», erzählt Helena. Das dauere um die drei Stunden.

Die Frage nach dem «Warum? Wozu diese Reise?» versucht Carlo zu beantworten. Sie hätten sich Gedanken gemacht, was denn eigentlich Entfernung sei. Wie lange man wohl brauchen würde, um diese Strecke nicht im Flugzeug, sondern zu Fuss zurückzulegen. Wie lange das dauern wird, weiss das Paar noch nicht, aber es hat sich dafür beinahe ein Jahr Zeit gegeben.

Einen Kontrapunkt setzen

«Wir wollen bewusst einen Kontrapunkt setzen», ergänzt Helena. «In unserer Gesellschaft gibt es viel Stress. Viele sagen, sie hätten keine Zeit – und dann stellen sie fest, wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Wir wollten entschleunigen und beweisen, dass man eine Wahl hat.»

Und so laufen die Abenteurer mit der Stute Aurora Alba (6) und dem Hengst Toni (8) quer durch Europa, mit durchschnittlich drei bis vier Kilometern pro Stunde, und machen so manche erstaunliche Begegnung. Sie hätten im Bosco Valentino ein junges Paar getroffen, erzählt Helena, welches kurze Zeit später mit einem Sack Lebensmittel zurückgekehrt sei und gesagt habe: «Hoffentlich seid ihr nicht beleidigt, aber in eurer Situation würden wir uns darüber freuen.»

«Wir schlagen keine Hilfe aus»

Eines hätten sie gelernt, verrät Carlo: Keine Hilfe abzulehnen. Auch nicht eine Unterkunft am Abend, selbst wenn sie äusserst bescheiden sei.

Denn am nächsten Tag geht's ja schon wieder weiter für das Quartett, welches nicht immer nahe beieinander läuft. «Nein, langweilig wird es nicht», bekräftigt Carlo. Es gebe so viel Neues zu entdecken.

Doch das Laufen sei auch sehr streng, «ziemlich viel Arbeit», sagt Helena, und wer ihren Rucksack hochhebt, weiss auch, warum. Bestimmt 25 Kilogramm wiegt das Gepäck, welches sie nicht etwa den Lasttieren aufbürdet, sondern selbst trägt. «Da kann man schon mal müde werden bei warmem Wetter und aus Erschöpfung überreagieren», gesteht die Schwedin.

Esel helfen zu entschleunigen

Das merken dann auch Toni und Alba. Es seien sehr sensible Tiere, welche ihr Stimmung aufnehmen würden, weiss Carlo und erzählt, wie sie ihr Tempo nach ihren vierbeinigen Begleitern zu richten haben. Sie hätten einen Berg hochlaufen müssen, da sei Toni plötzlich für zwei, drei Minuten stillgestanden. Dann habe er ein paar Schritte gemacht und wieder gestoppt. «Sie helfen einem zu entschleunigen», sagt Helena und blickt zu Carlo. Der pflichtet ihr mit einem Lächeln bei und sagt: «Es dreht sich nicht alles nur um uns.»

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