Sommerbrief aus Egnach

(Korr.) Der Hochsommer schreitet über das Land. Die jenseitigen Ufer des Bodensees verschwimmen im bläulichen Dunst; nur die Türme von Friedrichshafen und die mächtige Zeppelinhalle scheinen näher an uns heranzutreten.

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(Korr.) Der Hochsommer schreitet über das Land. Die jenseitigen Ufer des Bodensees verschwimmen im bläulichen Dunst; nur die Türme von Friedrichshafen und die mächtige Zeppelinhalle scheinen näher an uns heranzutreten.

Ich kann nie hinüberschauen zu jenem fernen Ufersaum ohne die stumme Klage auf den Lippen: Unglückliches Land, dem die gesundesten Menschen im Osten und Westen hingemäht werden! Aber zum trüben Sinnen bleibt keine Zeit. Da tummelt sich vor mir unsere Jugend im lauwarmen Seewasser. Jede Welle, die ans Ufer rollt, löst ein Hallo aus, und mutig stemmen sich die Jungen dem Wasserwall entgegen. Ein üppiger Schilfwald säumt die Wasserfläche ein, und nur wenige freie Stellen sind noch, wo die Jungen und Alten ungehindert Zutritt haben, zum stärkenden Bad.

Reifung in des Sommers Glut

Der Egnacher lebt zwar nicht vom See, sondern von dem, was Grund und Boden in reicher Fülle spenden. Allüberall ein Gedeihen und Reifen in des Sommer Glut. Die Sorge der Chriesibauern, sie möchten den Segen nicht loswerden, war umsonst. Die Einfuhr fremder Konkurrenzware bleibt aus, so dass gute Preise erzielt werden. Anfänglich waren die Früchte korbweise zu 20 – 25 Rp. das Pfund zu haben. Die kleinen Bürschchen, die den Abfall unter den Bäumen für sich beanspruchen, sehen Malayen oder Negern ähnlich; denn was nicht zum Mund hineingeht, wird zur Tätowierung von Stirn, Hals, Wangen und Ohren benutzt. Die Grossen weisen als Saisonmerkmale schwarze Zähne und eine dito Zunge auf.

Viel zu schaffen macht die Fernhaltung der kleinsten Kirschendiebe. Bekanntlich kommen die Stare von weit her an den See zum Übernachten. Da wollen sie sich die gute Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen. Deshalb beginnt dann beim Tagheitern eine Kanonade, als wären die Russen da.

Dass es in Egnach viel und schönes Gemüse gibt, versteht sich ja von selbst; dass aber auf die letztjährige Obsternte wieder eine so reichliche Ernte folgen würde, hätte nicht jeder zu hoffen gewagt. Man muss nur staunen, wie sich das Obst aus dem Laub heraus macht.

Wie man hört, finden auch die Getränke unserer Mostereien Absatz, so dass wohl überall die Vorräte bis zum Herbst aufgebraucht sein werden. Es brauchen deshalb auch für die Verquantung des Mostobstes keine Sorgen aufzukommen.

Bewährtes Sterilisieren

Die Hausmütter werden gut tun, von dem reichen Segen in den Winter hinüberzuretten, was möglich ist. Das Sterilisieren kommt immer mehr auf und es hat sich bei Kleinfrüchten sowie von Obstsäften in offenen Flaschen mit sofortiger Verkostung sehr gut bewährt.

So möge denn die Sonne wacker reifen und kochen und dann wollen wir dankbarer als andere Jahre die Geschenke der Natur entgegennehmen.