Sombor-Hilfe ist bald Geschichte

Hilfsgüter im Wert von über neun Millionen Franken rollten in den letzten 20 Jahren zu Hilfsbedürftigen in Serbien. Heute beschliessen die Mitglieder der Organisation GemeindenGemeinsam vermutlich die Auflösung auf Ende Jahr.

Markus Schoch
Drucken
Teilen
Letzte Absprachen am Tourismus-Seminar: Christoph Zweili (links) und Arne Engeli (rechts) in Sombor vor fünf Jahren. (Archivbild: pd)

Letzte Absprachen am Tourismus-Seminar: Christoph Zweili (links) und Arne Engeli (rechts) in Sombor vor fünf Jahren. (Archivbild: pd)

ROMANSHORN. Arne Engeli fällt der Gedanke an die heutige Mitgliederversammlung sehr schwer. «Das tut weh.» Doch er sei gleichzeitig stolz und empfinde Freude, wenn er sich die letzten 20 Jahre in Erinnerung rufe. Niemand in Sombor habe daran geglaubt, dass sie so lange durchhalten würden. «Wir sind immer wieder gekommen. Es ist das, was unsere Partner am meisten beeindruckt hat.» Jahr für Jahr rollten Lastwagen aus dem Oberthurgau in die Vojvodina, bis heute insgesamt 60 mit 1200 Tonnen Hilfsgütern auf der Ladebrücke im Wert von rund 9 Millionen Franken. Trotz Schikanen an der Grenze und Einfuhrgenehmigungen aus New York, die teils bis zu 100 Tage auf sich warten liessen. In den letzten zehn Jahren wurden vor allem Austauschprogramme für Jugendliche gefördert.

Der gebürtige Romanshorner Engeli war 1992 als damaliger Präsident des Schweizerischen Friedensrates einer der Initianten von Gemeinden Gemeinsam und blieb bis zuletzt einer der treibenden Kräfte im Regionalkomitee Bodensee/Rhein-Sombor, zuerst als Projektkoordinator, ab 2006 zusätzlich als Präsident.

Zur zweiten Heimat geworden

Der in Rorschach wohnende Engeli (77) gibt heute seinen Rücktritt auf Ende Jahr bekannt. Und weil sich kein Nachfolger für den Politologen fand, wird dann vermutlich auch das von ihm geleitete Regionalkomitee aufgelöst. «Es ist auch eine Form des Respekts Arne Engeli gegenüber, der als ehemaliger Beauftragter des Heks für den ganzen Balkan über grosse Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit verfügte und auf ein riesiges Netzwerk zurückgreifen konnte», sagt Christoph Zweili, der seit 1995 als Medienverantwortlicher bei Gemeinden Gemeinsam mitmacht.

Wie Engeli ist dem 53jährigen Tagblatt-Journalisten aus Romanshorn Sombor zur zweiten Heimat geworden. «Wenn ich ein Jahr nicht dort gewesen bin, fehlt mir etwas.» Für beide ist denn auch nicht Schluss, wenn Gemeinden Gemeinsam der Vergangenheit angehört. «Es geht im kleineren Rahmen weiter», ist sich Zweili sicher. Es seien Freundschaften fürs Leben entstanden. Engeli erhielt 1996 sogar die Ehrenbürgerschaft von Sombor.

Dem Verein wäre es am liebsten gewesen, wenn die Beziehungen nach Serbien durch eine Städtepartnerschaft weitergepflegt worden wären. Die Idee musste das Regionalkomitee aber bald verwerfen. «Sie ist unrealistisch», sagt Zweili. Auf serbischer Seite bestehe im Moment zu wenig Interesse daran. «In Romanshorn haben wir zweimal eine Abfuhr erhalten.»

Riesige Solidarität

Die Solidarität der Bevölkerung in der Region Bodensee-Rhein mit den Menschen im zerfallenden Jugoslawien war vor allem in der Anfangszeit von Gemeinden Gemeinsam riesig, als es um Soforthilfe ging. Bei der Weihnachtsaktion der damaligen Schweizerischen Bodensee-Zeitung im Jahr 1995 kamen fast 50 000 Franken zusammen. Das Geld ging an ein Behindertenheim in der Nähe von Sombor, das sich mit der Spende Heizöl kaufen konnte. Im Winter davor waren die Radiatoren kalt geblieben, so dass 52 Menschen in ihren Betten erfroren waren.

Insgesamt sammelten Engeli und seine Helfer seit 1993 fast 2 Millionen Franken für Projekte in Sombor. Alle hatten zum Ziel, die Zivilgesellschaft zu stärken und den brüchigen Frieden zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu wahren. Insgesamt flohen während der Kriegswirren 25 000 Serben nach Sombor, wo rund 100 000 Menschen lebten, hauptsächlich Serben, aber auch viele Ungarn, Kroaten und Donauschwaben. «Das war schwierig», blickt Engeli zurück.

Die Menschen in der Vojvodina könnten die Hilfe aus der Schweiz weiter gut gebrauchen. «Die wirtschaftliche und politische Situation in Serbien ist katastrophal», sagt Engeli. Das Klientelsystem verhindere jede Entwicklung. «Etwas vom Schmerzhaftesten für uns war, als der Stadtpräsident von Sombor 2008 gehen musste, weil er der dominierenden Demokratischen Partei nicht mehr genehm war», sagt Engeli. «Er hätte Sombor vorwärtsbringen können.» Es sei jetzt aber trotz ungewisser Perspektiven an der Zeit, dass die Stadt mehr Verantwortung übernehme.

Stadt Sombor in der Pflicht

«Eine Suppenküche für die notleidenden Einwohner zu betreiben ist oberste Pflicht einer Stadt», meint Engeli. Und einen kulturellen Leuchtturm wie den Chor Iuventus Cantat zu unterstützen, müsste seiner Meinung nach eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. «Er ist etwas vom Schönsten, was Sombor zu bieten hat.»

Für andere Projekte seien Lösungen gefunden worden, damit es weitergehe. «Wir wollen keinen Scherbenhaufen hinterlassen», beteuert Zweili. Gesichert ist unter anderem zumindest vorerst die Zukunft des Roma-Kindergartens und des internationalen Jugendcamps. «Wir sind darüber sehr erleichtert», sagt Engeli. Beide Projekte lagen dem Regionalkomitee sehr am Herzen. Engeli ist sich aber bewusst: «Ein Teil unserer Partner wird uns schmerzlich vermissen.»

Die Welt nicht verändert

Sie hätten die Welt mit ihrer Arbeit nicht verändert, sind sich Engeli und Zweili einig. Die Mühen seien aber trotzdem nicht vergeblich gewesen. «Wir haben nicht nichts bewegt», sagt Zweili. Sie hätten zumindest zu einem besseren Verständnis des Balkans in der Bodensee-Region beigetragen, den Menschen in der grössten Not geholfen und sie darin nicht allein gelassen.

Engeli hätte allerdings erwartet, dass alles viel schneller geht. Das sei eine der wichtigsten Erkenntnisse, die er in den letzten 20 Jahren gewonnen habe: «Ein Krieg zerstört in wenigen Tagen viel, der Aufbau dauert aber zwei bis drei Generationen.»

Transportchef Ruedi Rinderknecht beim Verladen von Matratzen in einen Lastwagen. (Archivbild: SBZ)

Transportchef Ruedi Rinderknecht beim Verladen von Matratzen in einen Lastwagen. (Archivbild: SBZ)

Aktuelle Nachrichten