Siehst du den Mond über Amriswil?

Die Vollmondbar in Amriswil feiert morgen Geburtstag. Vor zehn Jahren hat eine Gruppe Unentwegter den Anlass ins Leben gerufen – und hat damit im Thurgau eine regelrechte Vollmondbar-Welle ins Rollen gebracht. Zum Jubiläum binden sich die Gründer noch einmal die Schürzen um.

Rita Kohn
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amriswil. Wie rettet man ein Wärterhäuschen bei einer Barriere? Diese Frage stand am Anfang der Erfolgsgeschichte «Vollmondbar» in Amriswil. Denn die SBB wollten den kleinen Glaspavillon am Übergang Bahnhofstrasse ausrangieren. Damit der Zeuge vergangener Zeiten aber nicht einfach verschwindet, sondern ihm eine neue Ära ermöglicht wird, suchte eine Gruppe Kulturinteressierter nach Lösungen.

Die Idee, das Häuschen ins Zentrum einer Open-Air-Bar zu stellen, war schnell geboren. Nur stellte sich die Frage, wer denn diese Bar betreiben sollte, und wann sie geöffnet sein müsste. Weil die zeitlichen Ressourcen begrenzt waren, entschieden sich die Gründer der Vollmondbar dafür, einmal monatlich offen zu haben. Und zwar immer bei – richtig! – Vollmond.

Mittlerweile steht bereits das zweite Betreiberteam hinter dem Tresen, im Sommer wird die Vollmondbar bereits an ein drittes Team übergeben.

Ohne Vorahnung

«Von meiner Warte aus kann ich einfach immer wieder sagen, wie naiv und ohne Vorahnung wir an das Projekt herangegangen sind. Wahrscheinlich machte dies auch den Erfolg aus», sagt Gründungsmitglied Alex Germann. Bevor er das erste Bier ausschenken konnte, mussten er und seine Mitstreiterinnen einige Dinge klären.

Denn dass das Wärterhäuschen dort nicht würde stehen bleiben können, wo es schon immer stand, war klar.

Schliesslich hat das Häuschen vor dem Kulturforum einen neuen Standort gefunden. Dort steht es auch heute noch, zehn Jahre nach der ersten Vollmondbar. Nach wie vor dient es zur Ausgabe der Getränke.

Egal bei welchem Wetter

«Das Bier, das wir am meisten genossen haben, war jeweils das erste nach dem Aufbau», sagen Daniela Schwendener und Alen Corkovic, die zum zweiten Betreiberteam gehören.

Den Aufwand haben sie aber nicht bereut: «Egal bei welchem Wetter, einige treue Gäste sind immer gekommen.» Und wenn sie auf die bevorstehende Übergabe ans dritte Betreiber-Team denken, kommt auch etwas Wehmut auf: «Die Stimmung war immer sehr entspannt, das werden wir als Betreiber vermissen. Aber als zukünftige Gäste geniessen.»

Tatsächlich hat sich die Vollmondbar in den zehn Jahren ihres Bestehen eine treue Kundschaft bewahren können. Diese stört sich auch nicht daran, dass die Bar stets im Freien stattfindet, selbst wenn das Wetter ganz und gar nicht dazu einlädt. «An der Vollmondbar muss niemand frieren», bekräftigt Andreas Müller vom aktuellen Betreiber-Team. Ist es kalt, sorgen grosse Feuerstellen dafür, dass sich die Leute aufwärmen können.

Viel verpasst

«Ohne Vollmondbar wäre ich bei kaltem, nassen Wetter nie raus in die Nacht», sagt Susanne Mötteli vom zweiten Betreiber-Team. Damit hätte sie aber all die schönen Begegnungen und spannenden Gespräche verpasst. «Es ist doch eine Freude, einem Stammgast das lang ersehnte Vollmondbier zu kredenzen.» Seit dem Start der Vollmondbar sind das Vollmondbier – und sein alkoholfreies Pendant, das Leermondbier – aus einer kleinen Appenzeller Brauerei die «Renner» der Bar.

Die Brauerei selber hatte bereits vor der Eröffnung der Vollmondbar ein ähnliches Konzept umgesetzt. Für den Thurgau aber war die Vollmondbar in Amriswil der Ursprung. Längst sind daraus an verschiedenen Orten ähnliche Projekte hervorgegangen.

Probleme damit, dass ihre Idee übernommen wurde, haben weder die Gründungsmitglieder der Vollmondbar, noch das aktuelle Betreiber-Team.

Ort der Begegnung

«Als ich nach Amriswil zog, konnte ich dank der Vollmondbar viele interessante Menschen kennen lernen», sagt Bettina Spirig, die noch bis zum Sommer hinter der Theke steht. Gerade dies hat sich in den letzten zehn Jahren als Pluspunkt der Vollmondbar herausgestellt. Da es sich um eine «Stehbar» handelt, zirkulieren die Leute und kommen mit anderen Gästen ins Gespräch, ohne dass sie diese schon gekannt haben. «Es wird dadurch einfacher, Kontakt zu schliessen», stellen regelmässige Gäste fest.

Auch Tina Piazzi, Frau der ersten Stunde in der Vollmondbar, kommt zum Schluss: «Immer wenn Vollmond ist, erinnert es mich daran, dass es möglich ist, mit unbekannten Menschen zu plaudern.»

Viel Energie aufbringen

Was zunächst als leicht zu bewältigende Aufgabe scheint – nämlich einmal pro Monat im Team einen Abend lang eine Bar zu betreiben – hat's in sich.

Es sei eine Verpflichtung, die sich auf Dauer bemerkbar mache, sagte Andreas Müller, als das aktuelle Team vergangenes Jahr seinen Rücktritt angekündigt hatte. Im Laufe der Zeit haben sich die Interessen und die Lebenssituation der Teammitglieder verändert. Und damit hat sich auch die Belastungssituation geändert.

Dem Team war aber auch bewusst, dass ein Rücktritt im schlechtesten Fall das Ende der Vollmondbar bedeuten könnte.

Doch da der Rücktritt so früh angekündigt worden ist, konnte in Ruhe nach einer neuen Lösung gesucht werden. Mittlerweile hat sich ein neues Team zusammen- gefunden, das die Vollmondbar im bekannten Rahmen weiterführen möchte.

«Insgesamt gab es drei Bewerbungen. Ein Interessent wollte die Vollmondbar an einen anderen Ort verschieben, ein Interessent sah einen professionellen Betrieb, und dann kam auch das Team, das letztlich das Rennen machte», führt Andreas Müller aus.

Die Übergabe findet an der Juni-Vollmondbar statt. An diesem Datum findet gar eine Mondfinsternis statt. Ein spektakulärer Rahmen für den Teamwechsel, selbst wenn das Wetter nicht mitspielen sollte.

Leidenschaft geworden

Andreas Müller und seine Frau Patricia Spirig Müller sind erleichtert, was die neue Lösung betrifft. «Die Vollmondbar ist zu unserer Leidenschaft geworden. Schön, dass sie wieder in gute Hände kommt und weiterleben darf.

» Dies werden wohl nicht nur die Betreiber, sondern auch die Stammgäste unterschreiben.

Ideen umgesetzt

Sowohl das Gründungsteam als auch das aktuelle Betreiber-Team haben im Laufe der letzten zehn Jahre viele Ideen umgesetzt. Mit welchen die Neuen aufwarten wollen, ist noch nicht ganz klar. Sicher ist aber, dass jedes Team der Vollmondbar eine eigene Handschrift gegeben hat, ohne dass das Grundkonzept – eine Begegnungsstätte unter freiem Himmel – darunter gelitten hätte.

Wer sich die letzten zehn Jahre noch einmal durch den Kopf gehen lässt, erinnert sich an viele aussergewöhnliche Momente. Ob es nun der spezielle Poststempel auf der Weihnachtspost war, der Auftritt junger Gesangstalente oder das Vollmond-Haarschneiden: Jede Idee hatte Anhänger. «Für ein Zusatzprogramm braucht es viel Energie», weiss Andreas Müller. Zudem war nicht alles erfolgreich.

Viele Besucherinnen und Besucher kommen zur Vollmondbar, weil sie sich mit den anderen unterhalten oder neue Leute kennen lernen möchten. Menschen von ausserhalb kommen trotz wachsender «Konkurrenz» nach wie vor zur Original-Vollmondbar.

Damit leben sie einem Wunsch von Gründungsmitglied Stefan M. Seydel nach. Er träumte von einer Oberthurgauer Vollmondbar in Amriswil. Und von einer Stadt Oberthurgau.

So sagt er: «Immer wenn ich den Vollmond am Himmel sehe, freue ich mich auf die zukünftige Stadt Oberthurgau.»

Es war der Schönste

«Für uns war jeder Vollmond-Abend einfach der Schönste», sagen Monika und Helmut Giselbrecht mit einem Schmunzeln. die Gründungsmitglieder blicken manchmal mit Wehmut zurück. Auch, weil das Team damals einen guten Zusammenhalt hatte.

«Die grosse Genugtuung nach dem Stress war das gemeinsame Spaghetti-Essen danach, egal, wie spät es geworden war. Da wurde nochmals alles durchgesprochen, gelacht und neue Ideen entwickelt», sagt Alex Germann. Dabei seien sich alle einig gewesen, dass dies sicher der schönste Abend gewesen sei.

Dass es nun mit einem dritten Team weitergehen wird, freut alle, die sich schon selber die Schürze umgebunden hatten.

Alle pflegen zur Vollmondbar – die hin und wieder gegen einige Widrigkeiten zu kämpfen hatte – ein eigenes Verhältnis. Wie das erste Team will auch das Aktuelle der Vollmondbar treu bleiben, als ehemalige und künftige Stammgäste.

Jubiläums-Vollmondbar vordem Kulturforum Amriswil ,mit dem aktuellen und dem Gründungsteam, Samstag, 19. März, ab 19 Uhr.

Alex Germann, Mitglied Gründungsteam. (Bild: pd)

Alex Germann, Mitglied Gründungsteam. (Bild: pd)

Daniela Schwendener, Alen Corkovic, aktuelles Team. (Bild: pd)

Daniela Schwendener, Alen Corkovic, aktuelles Team. (Bild: pd)

Susanne Mötteli, aktuelles Team. (Bild: pd)

Susanne Mötteli, aktuelles Team. (Bild: pd)

Bettina Spirig, aktuelles Betreiber-Team. (Bild: pd)

Bettina Spirig, aktuelles Betreiber-Team. (Bild: pd)

Tina Piazzi, Gründungsmitglied. (Bild: pd)

Tina Piazzi, Gründungsmitglied. (Bild: pd)

Patricia Spirig Müller, Andreas Müller, aktuelles Team. (Bild: pd)

Patricia Spirig Müller, Andreas Müller, aktuelles Team. (Bild: pd)

Stefan M. Seydel, Gründungsmitglied. (Bild: pd)

Stefan M. Seydel, Gründungsmitglied. (Bild: pd)

Helmut und Monika Giselbrecht, Gründungsteam. (Bild: pd)

Helmut und Monika Giselbrecht, Gründungsteam. (Bild: pd)