«Sie wollen sogar in die Feuerwehr»

Kreuzlingen ist multikulturell: Auch Zeljka Blank-Antakli, Leiterin des regionalen Kompetenzzentrums für Integration, ist eine Einwanderin. Sie setzt auf den Dialog zwischen Schweizern und Ausländern. Überfremdungsängste spürt sie nicht.

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«Wir wohnen in einer attraktiven Stadt»: Zeljka Blank-Antakli. (Bild: Nana do Carmo)

«Wir wohnen in einer attraktiven Stadt»: Zeljka Blank-Antakli. (Bild: Nana do Carmo)

Frau Blank, der Name der Fachstelle, die Sie leiten, setzt den Schwerpunkt auf die Integration von Ausländern. Ist das angesichts der heute grösstenteils hochqualifizierten Zuwanderer noch richtig?

Zeljka Blank: Die Zuwanderung hat sich zwar verändert. Grob kann man von alter und neuer Zuwanderung sprechen. Früher war die Nachfrage nach Arbeitern in der Industrie, auf dem Bau oder in der Gastronomie gross. Heute kommen die gut- bis sehr gutqualifizierten Zuwanderer. Integration ist für sie aber ebenso wichtig wir für alle anderen hier lebenden Menschen.

Aber wollen diese Zuwanderer das auch selber?

Blank: Ja. Nach einer Tagung im November 2010 zum Thema Möglichkeiten der Partizipation habe ich zahlreiche Interessensbekundungen von Deutschen bekommen, die sich gerne ehrenamtlich und freiwillig engagieren würden. Sie wollen sogar zur Feuerwehr. Da müssen auch die Einheimischen Aufnahmebereitschaft zeigen und offen sein für diese Personengruppen.

Zuwanderung sei ein volkswirtschaftlicher Faktor, der geplant, gesteuert und reguliert werden müsse, sagen Fachleute. In Kreuzlingen hat man zurzeit den Eindruck, sie hänge vom Zufall oder von der Baulandreserve ab – also quasi nach dem Prinzip «'s hät so lang's hät». Ist das so?

Blank: Migration folgt immer bestimmten sogenannten Pull- und Push-Faktoren. Wenn es der Arbeitsmarkt verlangt und hergibt, ziehen die Menschen auch hierher. Eine Gemeinde kann darauf nur bedingt Einfluss nehmen. Eine hohe Zuwanderung bedeutet ja auch, dass wir in einer attraktiven Stadt wohnen.

Diese Antwort wird einer hochbetagten Kreuzlingerin nicht genügen, die sich fragt, warum zum Beispiel ausgerechnet die Leiterin von Kreuzlingen Tourismus eine Deutsche sein müsse. Was antworten Sie der Dame?

Blank: Ich würde ihr sagen: «Die Tourismusleiterin muss nicht, aber sie kann eine Deutsche sein.» Es ist selbstverständlich, dass man die 50 Prozent Nichtschweizer auch im öffentlichen Leben in allen Berufen und Branchen wiederfindet. Da kann man gewisse Bereiche nicht ausnehmen.

Spüren Sie dabei keine Überfremdungsängste?

Blank: Das rasche Wachstum und die Veränderung der Landschaft und der Wohnquartiere führt sicher dazu, dass sich unter der Kreuzlinger Bevölkerung auch Ängste verbreiten. Das ist nicht ungewöhnlich. Dass es sich dabei um Überfremdungsängste handelt, kann ich aber nicht bestätigen. Genau an dieser Stelle müssten die Schweizer und Ausländer miteinander in einen Dialog treten.

Man hat aber den Eindruck, es gebe in Kreuzlingen abgeschottete Gruppen. An der Weinstrasse leben Ausländer praktisch unter sich. Wie hoch schätzen Sie den Grad der Integration ein?

Blank: Das ist eine schwierige Frage, weil wir die Integration nicht messen. Mit der Einführung von Integrationsvereinbarungen wird es auf kantonaler Ebene aber möglich, die Bemühungen der Zuwanderer zu überprüfen.

Was prüft man da genau?

Blank: Indikatoren für die Messung von Integration sind beispielsweise Sprachkenntnisse, Teilhabe am Arbeitsmarkt, finanzielle Unabhängigkeit, Bildungsniveau und Identifikation mit der Schweiz oder Kreuzlingen. Demnach leben in Kreuzlingen die allermeisten Ausländer sehr integriert.

Also alles bestens?

Blank: Nicht ganz. Was hier bemängelt wird, ist die fehlende Verbundenheit der Migranten, besonders der Deutschen, mit den Vereinen, den Nachbarn oder den Schulen.

Das Angebot an Integrationshilfe wäre ja gross. Wie sehr wird es denn in Anspruch genommen?

Blank: Sehr gut besucht sind die Sprachkurse, die Informationsveranstaltungen und auch der Neuzuzügerabend. Besonders gut angenommen wird auch der Integrationskurs «Wissenswertes über die Schweiz und die Region Kreuzlingen».

Im letzten Kurs waren die Deutschen in der Überzahl, mindestens was die Wortmeldungen betraf. Sind Ihre Landsleute integrationswilliger als andere?

Blank: Der Kurs ist ein sehr gutes Beispiel, dass natürlich auch Deutsche Interesse an Integration haben. Aber auch bei ihnen gilt, dass sie keine homogene Masse sind. Und in der Grenzstadt Kreuzlingen ist es nun mal so, dass die Nähe zur Heimat täglich greifbar ist und ein Bruch nicht unbedingt nötig scheint.

Kreuzlingen ist als Bildungsstandort auch eine Kulturstadt geworden. Welchen Anteil an dieser Entwicklung hat die Zuwanderung?

Blank: Mir persönlich gefällt es sehr gut, wie sich die kulturellen Angebote in Konstanz und Kreuzlingen ergänzen, und ich empfinde es als einen wesentlichen Vorteil unserer Region.

Zur Kultur gehört auch die Religion. Wie beurteilen Sie das Projekt Islamischer Religionsunterricht?

Blank: Als ein hervorragendes Angebot. Moslemische Kinder und ihre Eltern erleben ihren Glauben als gleichwertig und auf Augenhöhe. Das führt zu einer positiven Einstellung und fördert die Integration.

Wichtig dabei ist natürlich die Sprache. Ist Integration auch ohne Schweizerdeutsch möglich?

Blank: Die Sprache ist das Wichtigste und sollte so bald als möglich gelernt werden. Nur so können Bildung und Ausbildung erfolgreich verlaufen. Die Deutschen haben da einen Vorteil, und ich kenne sehr viele, die gerne etwas besser Schweizerdeutsch sprechen würden. Es gibt viele Nachfragen zu Kursen. Persönlich finde ich es schöner, wenn die Schweizer mit mir Schweizerdeutsch sprechen, auch wenn ich nur auf Hochdeutsch antworten kann.

Es gibt Kritiker, die sagen, die Stadt betreibe zum Thema 50 Prozent Ausländer-Schönfärberei. Ist das so?

Blank: Ich finde es nicht falsch, auch zu sagen, wenn etwas gut läuft. Das heisst nicht, dass wir die Probleme ignorieren. Wir haben noch viele Bereiche, in denen wir nach wie vor Integrationsmassnahmen einsetzen müssen.

Interview: Brigitta Hochuli