Sie orientieren sich an der Sonne

AMRISWIL. Ernst und Trudi Bühler aus Amriswil betreiben einen speziellen Sport. Sie züchten Brieftauben und lassen diese bei Wettflügen starten. Gut dafür vorbereitet sind die Tauben durch eine ausgeklügelte Fütterung und den täglichen Freiflug über Amriswil.

Maya Mussilier
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Vom Gewerbeturm Amriswil aus lassen die Kinder aus Heiden die Tauben aufsteigen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Vom Gewerbeturm Amriswil aus lassen die Kinder aus Heiden die Tauben aufsteigen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Ein wenig Überredungskunst braucht es, bis die junge Brieftaube mit ihrem hübsch rot schimmernden Gefieder auf Ernst Bühlers Hand hüpft, um sich einige der begehrten Erdnüsse zu schnappen. «Normalerweise kommt sie sofort, sie kennt das», sagt Ernst Bühler. Auch die anderen Taubenmädchen scheinen alles andere als schüchtern zu sein.

330 Kilometer in vier Stunden

Im Schlag nebenan sitzen die Vögel – so werden die Männchen genannt – in ihren Zellen. Ebenso die Täubinnen im anderen Schlag. Sie wirken zufrieden und entspannt. «Sie sind gut gefüttert und vorbereitet für den Wettflug von diesem Wochenende», erklärt Ernst Bühler. Noch am gleichen Abend bringt er seine Vögel nach Muolen. Von dort aus werden sie nach Waidhaus im bayrischen Raum gebracht, nahe der deutsch-tschechischen Grenze. «Das sind rund 330 Kilometer Luftlinie», sagt Ernst Bühler. Dort werden die Brieftauben aufgelassen und rund vier bis viereinhalb Stunden später im heimischen Schlag erwartet.

Mit Chip ausgestattet

Um die genaue Zeit messen zu können, sind die Brieftauben allesamt mit einem Chip am Bein ausgestattet. Wenn sie einfliegen, werden sie gleichzeitig elektronisch erfasst. «Rund ein Drittel fliegt üblicherweise innerhalb einer halben Stunde zu Hause ein», weiss Ernst Bühler. Sollte sich einmal eine Brieftaube verirren, so kann Ernst Bühlers Telefonnummer am Ring um das Bein der Taube abgelesen werden.

«Leider gibt es aber auch immer wieder Verluste. Besonders gefährlich werden den Brieftauben Raubvögel, wie Falken, Habichte oder Sperber.» Sehr störend wirken sich auch Gewitter aus. Man müsse sich schon mit dem Wetter auseinandersetzen, wenn man mit Brieftauben arbeite, erklärt Ernst Bühler. Bei Gewittern lasse man sie beispielsweise nicht aufsteigen. Auch Nebel wirkt sich auf die Orientierung negativ aus. «Die Taube orientiert sich an der Sonne und am Erdmagnetismus» sagt Ernst Bühler. Die Brieftauben in unseren Gefilden legen bei Wettflügen bis zu 600 Kilometer zurück. «Sie sind schneller geworden, fliegen aber kürzere Distanzen. In den Benelux-Ländern werden aber noch Langstreckenbrieftauben gezüchtet, die bis zu 1200 Kilometer zurücklegen können», erklärt Ernst Bühler.

Seit der Kindheit

Seine Faszination für den Brieftaubensport hat Ernst Bühler durch Bauamtsmitarbeiter Werner Münger aus der Spitzenrüti und den Amriswiler Lehrer Schori bereits in seiner Kindheit entdeckt. «Wir hatten im Haus an der Weinfelderstrasse einen Taubenschlag und bekamen deshalb einige Tauben. Mich faszinierte vor allem, dass man diese Tauben fliegen lassen konnte und sie immer wiederkamen.» Als Ernst Bühler ins Militär musste, war es fürs erste vorbei mit den Brieftauben. Er widmete sich dem Schwingsport und später der Schafzucht. «Durch einen Reitunfall war ich dann einige Zeit handicapiert. In dieser Zeit besuchte ich eine Ausstellung in Steinebrunn und damit kehrte die Freude zurück.»

Heute haben Ernst Bühler und seine Frau Trudi mitten in einem Quartier in Amriswil einen Taubenschlag. «Zuerst waren die Nachbarn schon skeptisch», sagt Ernst Bühler. Denn seine Tauben haben wenn möglich zweimal täglich Freiflug. Unterdessen haben sich die Bedenken gelegt, denn die Tauben kehren in ihren Schlag zurück, ohne wie befürchtet überall ihre Spuren zu hinterlassen.

Sie geben die Freude weiter

Ihre Freude an den Brieftauben geben Ernst und Trudi Bühler auch gerne an andere Menschen weiter. So lassen sie auch bei Hochzeiten Tauben fliegen oder können auch von Schulen gebucht werden. So waren kürzlich Kindergartenkinder aus Heiden zu Gast, um einige Tauben vom Gewerbeturm aus fliegen zu lassen. Für Ernst Bühler ist dies eine gute Möglichkeit, für den Brieftaubensport zu werben. «Auch wir haben nur wenig Nachwuchs. Dabei ist es ein interessantes Hobby, das sich für Frauen, Männer, junge und alte Menschen gleichermassen eignet», betont er.

Ernst Bühler gibt dem Kindergärtler Nino eine Taube in die Hände. (Bild: Reto Martin)

Ernst Bühler gibt dem Kindergärtler Nino eine Taube in die Hände. (Bild: Reto Martin)

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