Sie leben an der vergessenen Strasse

Ladenlokale stehen leer, Fassaden bröckeln und der Passantenstrom zieht über den Zoll. Die verbleibenden Detaillisten an der Konstanzerstrasse in Kreuzlingen trotzen widrigen Umständen – mit Engagement und Leidenschaft. Eine Reportage von Martina Eggenberger Lenz

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Sie haben alle die gleiche Aussicht: Vor ihren Schaufenstern schleicht die Blechlawine dahin, Wochenende für Wochenende, Richtung Grenze. Die Auslagen an der Konstanzerstrasse vor dem Emmishofer Zoll werden durch die Autoscheiben der Einkaufstouristen betrachtet. Es stoppt selten einer. Das Geld wird in Konstanz ausgegeben, denn in Konstanz ist es billig und Geiz ist geil.

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«Wenn nur jeder zehnte anhalten und reinschauen würde…», denkt sich Yvonne Ammann. Sie hat sich im August selbständig gemacht und ihren Bürobedarf im «Gardencity» eröffnet. Im neuen Geschäfts- und Wohnhaus, immerhin ein 45-Millionen-Bau, ist sie umgeben von – nichts. In den als «Erfolgsflächen» angepriesenen Räumen links und rechts herrscht gähnende Leere. «Ich hatte natürlich die Hoffnung, dass die Überbauung belebter sein würde», sagt die Jungunternehmerin.

Sie kann nachvollziehen, dass die Angst vor Konstanz und die schlechte Wirtschaftslage viele davon abhält, jetzt ein Geschäft zu eröffnen. Ihrer Branche mache weniger die Grenze zu schaffen als das Internet. Den grössten Teil des Umsatzes machten die Geschäftskunden aus. Yvonne Ammann will mit Innovationen vermehrt Laufkunden ansprechen. An die Konstanzerstrasse hat es Ammann verschlagen, weil sie hier ein modernes, bezahlbares Ladenlokal gefunden hat. Erhofft hat sie sich «mehr Leben».

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Ein alter Hase an der Konstanzerstrasse ist Leo Scheiwiller. Seit den 70er-Jahren hat der Uhrmacher hier sein Geschäft. Hinter dem Laden, der etwas in die Jahre gekommen ist, verbirgt sich das Herzstück, die Werkstatt. Wegen ihr und Scheiwillers Erfahrungsschatz kommen immer noch viele Stammkunden. Der Uhrmacher hat in seinem Fundus Zubehör und Ersatzteile, die es zum Teil längst nicht mehr gibt.

Scheiwiller erinnert sich, wie gut frequentiert die Konstanzerstrasse früher war. Bis zu 25 000 Kunden hätten täglich die Migros Emmishofen besucht. Seit der Grossverteiler vor vier Jahren ins Zentrum zügelte, ist nicht mehr viel los im Quartier. Touristenartikel wie Münzen oder Sackmesser hat Scheiwiller aus dem Schaufenster genommen. Er muss den Ausfall mit einer ausgezeichneten Dienstleistung wettmachen.

Wenn es sein muss, fährt er auch mal mit dem Velo zu einem Kunden nach Litzelstetten. Ja, der Kreuzlinger Uhrmacher hat immer noch Konstanzer Kunden, aktuell etwa zwanzig Prozent. Er müsse auch keinen Umsatzrückgang beklagen. Dafür arbeitet Scheiwiller, der eigentlich bereits pensioniert wäre, bis zu sieben Tage die Woche. Feierabend beginnt für ihn oft erst, wenn andere schon zu Bett gehen. Aber Leo Scheiwiller ist keiner, der sich beklagt. Beruf ist für ihn Berufung. Er fühlt sich wohl in seinem Reich und an der Konstanzerstrasse. «Ich habe mir einen Wechsel auch schon überlegt, würde aber keinen anderen Standort wählen.»

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Das Geschäftshaus der «Schwaben-Migros» war lange Dreh- und Angelpunkt der Konstanzerstrasse. Heute blättert die Farbe von der rosa Fassade. Der Grossverteiler ist weg, der Glanz ist weg, der Blick ins Innere des einstigen Warenhauses frei. Die Rolltreppe liegt im Dornröschenschlaf. Die Auslagen der Bäckerei, die Restauranteinrichtung – alles ist noch da. Gleichzeitig schwindet die Hoffnung vieler, dass ein neuer Mieter die 5000 Quadratmeter übernimmt. In der Strasse stehen zu viele Verkaufsflächen leer.

Davon profitiert hat Babette Laronche. Sie ist mit ihrem Second-Hand-Laden von der Haupt- an die Konstanzerstrasse gezügelt. «Ich hatte anfangs Bedenken, denn ich wusste, dass ich an eine tote Strasse ziehe», sagt die Boutique-Inhaberin. Gewagt hat sie es trotzdem. Und sie wurde positiv überrascht. Der Stau, der sich vor dem Zoll bilde, habe auch Gutes. So würden potenzielle Kunden auf sie aufmerksam, sagt Laronche. Auch die vielen Parkplätze in der Umgebung wertet sie als Vorteil. «Ich bin guter Dinge, dass sich auch andere für die Konstanzerstrasse entscheiden.»

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Urs Portmann ist eine Institution. Sein Tabakwarengeschäft ist bei Liebhabern edler Zigarren bekannt. Manche Kunden spulen Hunderte Kilometer ab, um sich vom Fachmann beraten zu lassen. Wer den Laden betritt, dem wird rasch klar: Hier ist der Kunde König. Perfekter Service ist denn auch das oberste Credo von Portmann, der sich gerne darüber enerviert, dass es diesbezüglich mit der Schweiz abwärts gehe. Man müsse arbeiten fürs Geld. Ein Geschäftsmann könne den Bettel nicht einfach um halb sieben abends hinschmeissen.

Jammern? Hat laut Portmann keinen Sinn. Der Wandel der Konstanzerstrasse habe auch nicht unbedingt mit dem günstigen Euro zu tun. Viele Ladenlokale seien hier zu klein. «Wirklich überrascht hat mich nur der Wegzug der Migros.» Die Banken, Denner, Kleidergeschäfte und Spezialitätengeschäfte wie der Chäs-Laden: sie alle hat Portmann gehen sehen. Schuld ist seiner Meinung nach auch die Politik: «Sie hat die Einkaufszentren in der Agglomeration ermöglicht.» Der Detaillist sieht trotz allem positiv in die Zukunft. «Ich sage immer, ich habe die beste Lage Europas.» Das Grenzgeschäft sei Schwankungen unterlegen. «In den 60ern, 70ern und 80ern haben wir profitiert. Jetzt ist es halt andersrum.»

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Einst befand sich Portmann in guter Umgebung. Heute steht das frisch sanierte Geschäftshaus etwas verloren in der Landschaft. Gegenüber gibt es ein Hair-Extensioncenter, ein paar Häuser weiter wirbt einer um Altgold. In einzelne leere Shops sind Kunstschaffende gezogen. Dazwischen gibt es ein paar Beizen. «Es ist ein bisschen wie in Soho», sagt Thomas Gut. Er ist mit seiner Werbeagentur vom schicken Bodanquartier an die Konstanzerstrasse gezogen. Und er ist ein Fan geworden: «Für mich ist das hier die urbanste Gegend von Kreuzlingen. Die Konstanzerstrasse ist ein ungeschliffener Diamant.» Wenige Meter zur Grenze, wenige Meter zum Bahnhof, genug Parkplätze. Dazu komme die Bodenständigkeit der Quartierbewohner.

An der Konstanzerstrasse zählt der Schein weniger als das Sein. Zu Beginn, als die Agentur den Umzug ankündigte, seien die Reaktionen der Kunden eher negativ gewesen. «Was, da runter willst du?», wurde Gut gefragt. Er aber hat sofort die gute Energie gespürt, natürlich auch jene des Hauses, in dem er jetzt eingemietet ist. Die Vorstellung, direkt nach der Grenze die erste Agentur der Schweiz zu sein, gefiel dem Team. Die Migros war noch da, «Gardencity» wurde gerade gebaut, die Perspektiven waren gut.

Jetzt sei es ein bisschen anders gekommen, sagt Thomas Gut, vor allem aber, weil man zu wenig innovativ sei. Er ist wie viele andere überzeugt, dass die Stunde dieser Gegend noch kommen wird. In der Zwischenzeit geht das Leben an der Konstanzerstrasse weiter. Ob die Blechlawine rollt oder steht.