Sie hoppeln über den Laufsteg

TÄGERWILEN. Meister Lampe hat Lampenfieber, denn es geht um die Wahl zum schönsten Kaninchen in Tägerwilen. Juror Markus Pfiffner mustert mit seinen drei Kollegen die Nager, guckt nach Doppelkinn, Krone und verbotenem Make-Up.

Marc Engelhard
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Juror Markus Pfiffner mustert im weissen Kittel ein Kaninchen. (Bilder: Stefan Beusch)

Juror Markus Pfiffner mustert im weissen Kittel ein Kaninchen. (Bilder: Stefan Beusch)

TÄGERWILEN. Nummer 134 ist ausser sich. Das Kaninchen schmeisst seinen Futterbecher um, verteilt die Kügelchen auf dem Boden und versucht nun mit den Zähnen, den Becher wieder an sein Gitter zu hängen. Vielleicht ist Meister Lampe nervös. Bald holen sie ihn aus dem Käfig und stellen ihn Markus Pfiffner vor die Nase. Der ist Juror beim Schönheitswettbewerb der kleinen Tiere in Tägerwilen. Der Bauch darf nicht hängen und zu dick darf der Chüngel auch nicht sein. Setzt sich Nummer 134 darum auf Diät?

Vor der Kleintierausstellung in Tägerwilen (siehe Box) können die Züchter der Vereine Tägerwilen, Kreuzlingen und Oberhofen ihre Kaninchen von vier Juroren bewerten lassen, die dann entscheiden, wer das schönste Tier hat. Die Experten haben eine dreijährige Ausbildung hinter sich und sind langjährige Züchter.

Nummer 134 ist mit 6,3 Kilogramm eines der schwersten Kaninchen. Experte Markus Pfiffner aus Mels greift ihm an den Nacken, streichelt ihm übers Fell, kehrt den Chüngel auf den Rücken und prüft die Klauen. Nummer 134 ist ein Mädchen. Dann wendet Pfiffner das französische Widderkaninchen wieder auf die Pfoten und blickt ihm tief ins Gesicht. Nun punktet Nummer 134.

Das Fell ist zu weich

Das Kaninchen hat keine langen Brusthaare, was wie ein Doppelkinn aussehen würde. Das und die Krone beeindrucken Pfiffner. Die Krone ist die kleine Wulst zwischen den Schlappohren. Das Markenzeichen der Widderkaninchen. Wäre ihr Fell nicht zu weich, hätte kein anderer Chüngel Nummer 134 den Schneid abgekauft.

Peter Windler organisiert für den Kleintierzuchtverein Tägerwilen die Ausstellung und den Schönheitswettbewerb. Sein Vater hat in ihm die Begeisterung geweckt, seit 55 Jahren züchtet er selber Chüngel und ist angefressen von den Nagern. Das muss so sein, denn: «Das Hobby kostet viel Zeit und Geld.» Zu holen gibt es für ihn am Wettbewerb nicht viel, er will wissen, wo er mit seiner Zucht steht. Es gibt kein Preisgeld, es gibt keine Siegerehrung. Nur einen Zettel, auf dem die Punktzahlen vermerkt sind. Nummer 134 hat 96 von 100 geholt. Auch der Chef gebe einem am nächsten Tag keine Ferien, wenn man den ersten Platz hole, sagt Windler. Der einzige, der was kriegt, ist vielleicht der Schönheits-Chüngel. Ein grosses Rüebli zur Feier.

Klappergerüste sind unzulässig

Darum lohnt sich auch kein übertriebener Ehrgeiz bei der Schönheitswahl. Niemand legt seine Kaninchen hierfür unters Messer. Zu dürre Kaninchen werden auch nicht zugelassen, es gibt in jeder Kategorie ein Mindestgewicht. Manchmal schummeln Züchter, indem sie Kaninchen anmalen und Flecken verdecken. Dann werden sie aber ausgeschlossen, Make-Up ist verboten.

Ein Experte ist kein Preisrichter

In Tägerwilen hoppeln nicht nur Hasen über den Laufsteg, auch Tauben machen unter sich aus, welches Gefieder prêt-à-porter ist. Hier urteilt Paul Huber aus Berg. Während Juroren bei den Hasen Experten heissen, darf sich Huber noch Preisrichter nennen. Bei den Tauben gibt es verschiedene Kategorien, die allesamt bereits verraten, auf was Huber achtet. Neben den Form- und Farbtauben gibt es die Kopftauben. Diese müssen die Züchter gut dressieren, damit sie eine Chance haben. Denn wenn Huber «hua hua, gugu gugu» in den Käfig gurrt, müssen die Tauben ihren Luftsack aufpusten und fortan einen dicken Hals haben. Das hilft bei der Balz – und auch beim Schönheitswettbewerb.

Das weisse Albino-Widderkaninchen und der lohfarbige Farbenzwerg treten am Wettbewerb an. (Bild: Stefan Beusch)

Das weisse Albino-Widderkaninchen und der lohfarbige Farbenzwerg treten am Wettbewerb an. (Bild: Stefan Beusch)