Schule will wieder wachsen

KREUZLINGEN. Sinkende Schülerzahlen haben in jüngster Zeit Veränderungen an der Rudolf Steiner Schule Kreuzlingen ausgelöst. Zum 40-Jahr-Jubiläum der Waldorfpädagogik in der Region soll es nun aber aufwärts gehen.

Martina Eggenberger Lenz
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Zweitklässler der Rudolf Steiner Schule lernen im Fach Handarbeit stricken. (Bild: Martina Eggenberger Lenz)

Zweitklässler der Rudolf Steiner Schule lernen im Fach Handarbeit stricken. (Bild: Martina Eggenberger Lenz)

Die Rudolf Steiner Schule Kreuzlingen Konstanz muss sich seit einiger Zeit mit einigen existenziellen Fragen beschäftigen. Es besuchen noch rund 150 Schüler die Privatschule, die Untergrenze ist damit erreicht. Der Grund dafür ist einerseits die vor vier Jahren in Konstanz gegründete Waldorfschule, die den Kreuzlingern Schüler wegnimmt. Wegen der sinkenden Schülerzahlen mussten die Elternbeiträge erhöht werden, und die Lehrer verzichten ihrerseits auf einen Teil des Lohnes. Denn schliesslich ist das Ziel der Schule, die sich über die Elternbeiträge selbst finanziert und keine Gelder in Reserve hat, eine «graue Null».

Jede Klasse hat einen Lehrer

Die Schule hatte in der Vergangenheit immer wieder Mühe, alle Stellen zu besetzen. Darum kommen auch alte Hasen wie Kurt Bräutigam zum Einsatz. Er, einer der Gründungslehrer, setzt sich immer noch und sehr aktiv für die Schule ein, obwohl er längst pensioniert ist. Er coacht Junglehrer und kümmert sich um die lange vernachlässigte Öffentlichkeitsarbeit. Denn Bräutigam will, wie alle Schüler, Eltern und Lehrer, dass die etablierte Schule den Schritt in die Zukunft erfolgreich meistert.

Die Zeichen stehen besser als auch schon. Der Handlungsbedarf wurde von den Beteiligten erkannt. Einiges hat sich in der jüngsten Zeit im ehemaligen Fabrikareal an der Bahnhofstrasse getan. Wie Dorothee Berger, Lehrerin und Mitglied der Schulleitung, sagt, gibt es aktuell genug Klassenlehrer. Bei der Situation der Fachlehrer, insbesondere für die oberen Klassen, sei es noch etwas schwieriger.

Konstanzer Konkurrenz

Bezüglich der Konkurrenz-Situation mit Konstanz hofft sie, dass die gestandene Kreuzlinger Schule dank guter Mund-zu-Mund-Propaganda weiterhin Kinder von beiden Seiten der Grenze unterrichten wird. «Aber ganz klar: Konstanz ist für uns ein grosses Thema. Und auch der Eurokurs kommt uns natürlich nicht zugute.» Die Höhe der Elternbeiträge sei deshalb heute am oberen Limit. «Mehr geht nicht.»

Im Optimalfall, so sagt Kurt Bräutigam, würden die beiden Schulen nebeneinander existieren können und eine gemeinsame Oberstufe – bei Waldorf-Schulen beginnt diese mit der neunten Klasse – anbieten. Fix ist aber noch nichts, denn die Konstanzer Waldorfschule ist erst im Aufbau. In dieser Situation waren die Kreuzlinger vor 40 Jahren. 1976 haben sie den Trägerverein gegründet, zwei Jahre später nahm der Kindergarten den Betrieb auf, 1980 dann die Schule. Obwohl die Rudolf Steiner Schule schon so lange vor Ort ist und gut 700 Absolventen hat, gebe es immer noch viele Vorurteile, bedauert Kurt Bräutigam. Zum Jubiläum sucht man deshalb bewusst die Öffentlichkeit. Im Januar wird es sogar einen Show-Unterricht im Dreispitz geben, quasi Waldorfpädagogik zum Anfassen. Neuerdings wird in den unteren Stufen klassenübergreifend gearbeitet, Lernwerkstatt nennt sich das. Die Kinder unterschiedlichen Alters sollen voneinander profitieren. Auch die Übertritte wurden angeschaut, zum Beispiel die Wege der Steiner Schüler an die Mittelschulen oder in die Berufslehren. «Bei uns bekommt jeder eine sehr individuelle Laufbahnberatung», erklärt Bräutigam.

Praxisnaher Unterricht

Im Vordergrund der Waldorfpädagogik steht der Ansatz, dass jeder Mensch seinen Weg, sein Lebensmotiv finden soll. Gelehrt und gelernt wird nie nur Theorie, sondern immer auch Praxis, «Ernstfallpädagogik», sagt Kurt Bräutigam. Deshalb vermessen Steiner Schüler auch Staudämme für Kraftwerke oder untersuchen Wasserqualitäten für den Kanton. Sprachen werden ebenfalls gross geschrieben, schliesslich sind die Waldorfschulen international. Schon Erstklässler lernen neben Deutsch auch Englisch und Französisch.

Bekanntlich wird in allen Fächern auf Noten verzichtet. Auch Sitzenbleiben ist an Steiner Schulen kein Thema. Zudem legt die Steiner Schule immer noch viel mehr Wert auf soziale, handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten als die staatliche Schule. Der Mensch, so heisst es, soll von der Kindheit bis zur Mündigkeit ein umfassendes Bildungsangebot erhalten.